Kurz vor Weihnachten langte Grünen-Chef Robert Habeck noch einmal mitten hinein in das migrationspolitische Dilemma, das die Europäische Union seit Jahren quält. "Holt als Erstes die Kinder raus!", forderte Habeck in einem Interview. Er drängte darauf, die mehr als 4000 Kinder und Jugendlichen nach Deutschland zu holen, die zurzeit ohne ihre Eltern auf griechischen Inseln festhängen. Laut dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) stammen sie vor allem aus Afghanistan, Syrien und Pakistan, haben also relativ gute Chancen, in Europa Schutz zu erhalten. Meist sind es männliche Jugendliche, die allein oder in kleinen Gruppen fliehen, manchmal auch unbegleitete Mädchen und kleine Kinder.

Die Kinder und Jugendlichen, um die es Habeck geht, leben in Lagern wie Moria, wo es offiziell nur 3000 Plätze gibt – aber mehr als 17.000 Bewohner. Sie leben in überfüllten Containern und durchnässten Zelten, manche unter freiem Himmel, ohne Heizung, Strom und medizinische Versorgung. Einige sind in den vergangenen Jahren gestorben. An Durchfall und Unterkühlung zum Beispiel.

Für die einen ist Habecks Vorschlag ein Gebot der Menschlichkeit. Heinrich Bedford-Strohm, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, sagte, es sei "Zeit, humanitäre Zeichen zu setzen". Für die anderen hat Habeck ein aktionistisches Manöver angezettelt. Die Bundesregierung lehnt den Vorschlag ab und warnt vor einem nationalen Alleingang.

17.000 Flüchtlinge sind im Lager Moria untergebracht, obwohl es dort offiziell nur 3.000 Plätze für sie gibt.

Tatsächlich fällt Habecks Vorschlag aus Regierungssicht in eine ungünstige Zeit: In Brüssel verhandeln die Kommission und die EU-Mitgliedstaaten gerade über eine neue gemeinsame Asylpolitik. Die Aufnahme der gut 4000 Kinder könnte die ohnehin zähen Verhandlungen gefährden: Wenn Deutschland sich am Ende doch erbarmt, die Menschen von den Inseln zu holen, warum sollten sich die anderen EU-Staaten dann noch um einen Verteilungsmechanismus bemühen? Stattdessen, so die Logik der Regierung, müsse das Elend ausgehalten werden. Die Lage sei zwar tatsächlich "prekär" und "nicht tragbar", hieß es Anfang der Woche aus dem Innenministerium. Aber es bestehe keine unmittelbare Lebensgefahr.

Und noch etwas schwingt mit in der Debatte um die Kinder: die Furcht vor einer Dynamik wie im Herbst 2015, als Deutschland Zehntausende Syrer ins Land ließ, die damals nicht auf einer Insel in Griechenland, sondern in einem Bahnhof in Ungarn feststeckten: Was, wenn sich nach einer Evakuierung der 4000 Kinder weitere Flüchtlinge und Migranten ermutigt fühlen, nach Griechenland überzusetzen und die Lage dort vollends eskaliert? Was, wenn die Kinder ihre Familien nachholen?

Habeck beruft sich auf dasselbe juristische Instrument, das 2015 Hunderttausenden Asylbewerbern den Weg nach Deutschland geebnet hat: das Selbsteintrittsrecht der Staaten nach Artikel 17 der Dublin-Verordnung. Deutschland kann sich demnach freiwillig für Asylbewerber zuständig erklären, um die sich eigentlich ein anderer EU-Staat kümmern müsste. In diesem Falle: Griechenland.