Es geht blitzschnell. In einer einzigen Bewegung streift er seine Uhr vom Arm und schmettert sie zu Boden. Am Nebentisch drehen sich die Köpfe, der Kellner schaut alarmiert. Doch Rolf Dobelli ist schon in die Tiefe abgetaucht und erscheint samt Uhr wieder. "Jede andere wäre jetzt kaputt", stellt er zufrieden fest. "Eine Rolex hält ein Leben lang." Lektion erteilt, Beweis geglückt: Das Stück ist seine 6000 Franken wert. Nie aber, fügt er bei, würde er überteuerte Designermode, neuste Elektronik, ein Luxusauto oder gar eine Jacht im Mittelmeer kaufen: "Statussymbole machen nur kurz glücklich. Man gewöhnt sich zu rasch an sie."

So abgespeckt wie sein Konsumverhalten ist Rolf Dobellis Erscheinung: die Silhouette straff, das blütenweiße Hemd ohne Schnickschnak, das Gesicht asketisch. Dazu kommt ein cleaner Geist: "Man muss nur alles Negative ausmerzen, dann wird es gut." Ewig unzufriedene Menschen verbannt er aus seinem Umkreis; sie stehlen zu viel Zeit und Energie. Schädliche Gewohnheiten und toxische Gefühle hat er wegtrainiert. Am schlimmsten war der Neid. "Der ist bei mir jetzt komplett draußen", sagt er. Ebenso das Selbstmitleid. Über seinem Schreibtisch hängt ein großes Plakat: You will never hear me complain.

Zum Klagen freilich hatte er ohnehin selten Grund. Schon seine Jugend in Emmenbrücke war, sagt er, "sehr glücklich". Der Vater arbeitete, wie das halbe Dorf, in der Textilfabrik Viscosuisse. Man wohnte, dank einer günstigen Firmenhypothek, im eigenen Häuschen, und auf dem nahen Militärflugplatz winkten die Piloten den Buben aus dem Cockpit zu.

Gut, später hätte er sich etliches ersparen können. Das Betriebswirtschaftsstudium an der Uni St. Gallen beispielsweise fand er Zeitverschwendung. Dito seine Jobs als Swissair-Manager. Er gründete ein Unternehmen, lebte in Hongkong, den USA und Australien. Einzige Erkenntnis seiner ersten zwanzig Berufsjahre: Bei Gutsituierten bewirkt ein größeres Einkommen nicht unweigerlich größere Zufriedenheit. Geld macht nur Menschen glücklich, die keines haben. Auch die Religion, anerkannt beste Sinnspenderin, versagte in seinem Fall. Und dies, obwohl er den Glauben "geradezu verbissen", wie er schreibt, mit einem Klosteraufenthalt herbeizuzwingen suchte.

Mit vierzig beschloss er, unter die Schriftsteller zu gehen; vielleicht lieferte der Schaffensrausch den ersehnten Lebenssinn. Sein Romanheld war, wie er selbst, ein erfolgreicher Manager, der unter der Midlifekrise und Frauenproblemen litt. Über Letztere wundert sich die Leserin nicht. Denn so, wie er Frauen beschreibt, könnte auch ein industrielles Produkt gemeint sein: "Sie besass einen gut definierten Oberkörper." An anderer Stelle heißt es ebenso gewagt: "Gott hatte sie entweder in einem Anflug von Genie geschaffen oder er war betrunken."

Von nun an nannte sich Rolf Döbeli aus Marketing-Gründen Rolf Dobelli. Doch das unbestimmte Gefühl eines Mankos quälte ihn weiterhin: "Irgendwie fehlte mir das richtige Denkwerkzeug." Um den großen Philosophen auf die Denkschliche zu kommen, klopfte er alle bekannten Namen ab. Die Gelehrten der jüngsten zwei Jahrhunderte entpuppten sich durchwegs als Enttäuschung: "Die waren nur mit sich selbst beschäftigt." Lauter verquastes Zeug über entlegene Themen und Texte, die sich auf "Heidegger, Seite 497 oben" bezogen. Besser lief es mit den alten Römern und Griechen, Marc Aurel, Seneca, Epikur und Epiktet. Sie lieferten nicht nur handfeste, präzise Gebrauchsanleitungen für ein gutes Leben. Ihre Strategien trafen auch perfekt den Zeitgeist des 21. Jahrhunderts und die Probleme der neuen Ich-Gesellschaft: Man hat zwar alles und bleibt trotzdem, irgendwie, unzufrieden.

Besonders Männer empfanden die bisherige Ratgeberliteratur als zu banal, bieder und büßerhaft. Die meisten Autoren forderten, Schicksalsschläge wie Tod und Scheidung, Arbeitslosigkeit und Depression nach ihrem Sinn abzusuchen und daran zu wachsen. Motto: Krankheit als Weg, Schicksal als Chance und ähnliche Kalenderweisheiten. Anders Dobellis ausgegrabene Denker. Krisen, Ängste und Gefühlsblessuren ließen sie erst gar nicht aufkommen. Schließlich ist Erfahrung die aufwendigste Art, um Einsichten zu gewinnen. Vielmehr verwandten sie ihre ganze Kraft darauf, möglichst ungeschoren durchs Leben zu kommen. Das Rezept: Wahrung von Distanz zu allem und jedem; keine starken Gefühle, egal ob Liebe oder Hass, und ausreichend Geld, um Abstand zu Unerfreulichem zu schaffen.

"Alles, was ich schrieb, schrieb ich in erster Linie für mich selbst", sagt Rolf Dobelli. Doch dann zeigte sich: Millionen Mitmenschen teilten sein Lebensgefühl. 2011 wurde seine Kunst des klaren Denkens zum Weltbestseller. Der Spiegel machte es 2012 zum Sachbuch des Jahres. Es folgten, im Zweijahresrhythmus, die Bände Die Kunst des klugen Handelns und Die Kunst des guten Lebens und jetzt, neu, Die Kunst des digitalen Lebens.

Natürlich schlief die Konkurrenz nicht. Mittlerweile werden alle Bestenlisten von Besserwisser-Literatur beherrscht. Zu den eifrigsten Zitierern bewährten Gedankenguts gehören der Deutsche Richard David Precht und der Israeli Yuval Harari (21 Lektionen für das 21. Jahrhundert). Da alle aus den gleichen Quellen schöpfen, klingt ein Buch wie das andere. Ebenso gemeinsam ist ihnen das Durchnummerieren der Lektionen, als handle es sich um ein Fitnessprogramm. Keiner freilich beherrscht die Quick-fix-Masche besser als Rolf Dobelli. Um die Aufmerksamkeitsspanne seiner Leserschaft nicht unnötig zu strapazieren, verknappt er sein Speeddating mit den großen Denkern "to the max", wie er sagt. Wem das immer noch zu viel ist, findet am Ende jedes Kapitels sogenannte Take-aways, die Zusammenfassungen des bereits Zusammengefassten.