Ach, die Schönheit! Ist sie nicht längst zur Geschmackssache, zur Privatsache geworden? Das Schöne an der Ausstellung über das Schöne im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe ist die Mischung aus spielerischer Freude und nachdenklichem Ernst, mit der die Ausstellungsmacher Jessica Walsh und Stefan Sagmeister an das Problem herangehen. Ein Problem? Am 12. März 1913 hielt der Wiener Architekt Adolf Loos den berühmt gewordenen Vortrag mit dem knalligen Titel Ornament und Verbrechen. Die Ausstellung zeigt eine Reproduktion des selbstverständlich girlandenfreien Plakats. Von nun an war alles Schmückende und Schmeichelnde Heimstatt der Spießer.

Nicht weit entfernt von der Loos-Wand mit den markigen Sprüchen sieht man das berüchtigte Urinal von Marcel Duchamp, auch dies eine Reproduktion, zumal das Original verschollen ist. Sinnigerweise hieß es Fountain, und natürlich rief es 1917, als es in einer Ausstellung in New York gezeigt wurde, die beabsichtigte Empörung hervor. Seitdem ist der Tabubruch zur Routine geworden, seitdem ist das Schöne aus der Kunst ausgewandert.

Doch allmählich kommt es wieder. Die Ausstellungsmacher haben die von Google digital erfassten Bücher nach dem Stichwort "Schönheit" durchsucht und die Häufigkeit mit Bücherstapeln sichtbar gemacht: Am höchsten sind sie im 19. Jahrhundert. Sie halbieren sich nach dem Ersten Weltkrieg und werden neuerdings wieder größer. Auch in den Künsten scheint Schönheit nicht länger mehr verboten. Was ist mit dem röhrenden Hirsch? Zum Thema Kitsch sagt die Ausstellung leider fast nichts. Auch zum Thema "Schönheit des Menschen" schweigt sie, und das ist nur klug. Sie heißt zwar völlig modisch Beauty, aber enthält sich aller Seitenblicke auf Mode und Schönheitsideale.

Schönheit, so lernt man in Hamburg, ist nichts Beliebiges. Faustkeile aus der menschlichen Frühgeschichte sind adrett in einer Glaswand aufgefädelt und angeleuchtet. Warum haben unsere Vorfahren den Steinen eine gefällige, symmetrische Form gegeben? Das wäre für den Zweck nicht nötig gewesen. Und dann marschieren Trinkgläser in einer langen Reihe auf, von 1500 bis heute. Man sieht, wie mit der Kunstfertigkeit die Ansprüche wachsen und wie das Glas um 1700 derart mit Ornamenten verziert ist, dass man kaum noch daraus trinken kann. Vielleicht hatte Adolf Loos doch recht. Und siehe da: Das Glas aus den Fünfzigerjahren ist völlig frei von Ornamenten, zum Trinken taugt es bestens. Aber ist das jetzt schön?

So kommt man beim Gang durch die Ausstellung ins schönste Nachdenken. Für Theoretiker und Systematiker ist sie nicht gemacht. Sie lädt zum Schlendern und Betrachten ein. Sie ist eine Schule der Wahrnehmung, sie zeigt die höchst subjektive Schneise, die sich Stefan Sagmeister durch den Dschungel der Schönheit geschlagen hat. Besonders interessiert ihn unsere urbane Umwelt. Er zeigt Fotos der berühmten Moskauer Metro-Stationen, im Kontrast dazu die uniform gestalteten U-Bahn-Haltestellen in München. Seine These: Die Moskauer Architekturen sind nicht allein schöner, sondern sie bewirken, dass sich der Fahrgast besser zurechtfindet und wohler fühlt.

Die spaziergängerische Lust Sagmeisters zeigt sich auch darin, dass er die alte Unterscheidung zwischen dem Kunstschönen und dem Naturschönen nicht gelten lässt. Die Schönheit des Pfauenrades ist ihm ebenso bemerkenswert wie die anmutig sich verändernde Wolke der Schwalbenschwärme am Sommerhimmel. Dieser Film wird auf die Halbrotunde des Treppenhauses im Hamburger Museum projiziert, und man steht und staunt.

Immer wieder wird der Besucher dazu aufgefordert, seine Idee von Schönheit zu offenbaren, indem er über eine Auswahl von Bildern – Formen, Farben, Landschaften – abstimmt. Die leicht durchschaubare Absicht ist klar: Schönheit ist allen Menschen unmittelbar evident. Und dazu gehört leider auch, dass sie provoziert und zu Aggressionen reizt.

Die Ausstellung war zuerst in Wien zu sehen, dann in Frankfurt und wird bis zum 26. April 2020 in Hamburg gezeigt. An jedem Ort sah und sieht sie anders aus, weil sie mit dem jeweiligen Museumsbestand verknüpft ist. Der letzte Raum im Museum für Kunst und Gewerbe versammelt die nach Ansicht der Mitarbeiter schönsten Objekte aus dem Bestand. Da sieht man ein rotes Cocktailkleid von Dior, eine gewaltige mittelalterliche Monstranz, das Modell des berühmten Jaguar E-Type oder einen sehr formschönen, aber sichtbar unbequemen Sessel aus Stahlgeflecht.

Ist das alles schön? Ja, insofern, als es dem Zufälligen, dem Gestaltlosen, dem Ungeordneten widerspricht. Schönheit, so lautet eine der Definitionen, die Sagmeister uns anbietet, hat zu tun mit Symmetrie, Einfachheit und Balance, mit Klarheit, Harmonie und Proportion. Damit ist zwar noch nicht alles klar, aber doch einiges.

Was fehlt? Vor allem Robert Gernhardts berühmtes Gedicht Nachdem er durch Metzingen gegangen war: "Dich will ich loben: Häßliches, / du hast so was Verläßliches. / Das Schöne schwindet, scheidet, flieht – / fast tut es weh, wenn man es sieht. / Wer Schönes anschaut, spürt die Zeit, / und Zeit meint stets: Bald ist’s soweit. / Das Schöne gibt uns Grund zur Trauer. / Das Häßliche erfreut durch Dauer."

Da ja nun jeder verständige Mensch dieses Gedicht sowieso auswendig kann, musste es die Ausstellung nicht eigens zitieren.

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