Wer heute erklärt, dass er täglich zwei Stunden meditiert, kann sich der Anerkennung seiner Mitmenschen sicher sein: Mit welcher Achtsamkeit er doch Körper und Geist miteinander in Einklang zu bringen versucht, um dabei auf eine höhere Bewusstseinsstufe zu gelangen – bewundernswert! Gesteht jemand aber, dass er täglich sechsmal betet, löst er damit eher Unverständnis und Befremden aus. Alle Leute denken: Was für ein Frömmler ist das denn? Man erkennt daran: Auch spirituelle Praktiken, mögen sie noch so alt sein, unterliegen Moden. Der Zeitgeist spricht offensichtlich immer mit, wenn sich Seele und Geist in eine innere Einkehr begeben wollen. Um zu verstehen, dass die Meditation inzwischen eine höhere spirituelle Reputation genießt als das Gebet, lohnt ein Blick in die Religionsgeschichte. Die Meditation ist ganz klar religiösen Ursprungs: In der jüdischen Kabbala, der christlichen Mystik des Mittelalters und der islamischen Sufi-Tradition eröffnet sie den spirituellen Raum, in dem sich Gott zeigt. Im Buddhismus und Hinduismus ist sie das Tor, durch das man die nächste Erleuchtungsebene erreicht, bis man auf der höchsten Stufe der Wiedergeburt – im Buddhismus dem Nirwana – angelangt ist. Jede Religion hat neben der Glaubensverkündigung, der liturgischen Praxis und der karitativen Seelsorge auch eine kontemplative Seite. Die Entrückung vom Hier und Jetzt, das Gewahrwerden göttlicher Stille, das Finden von innerer Ruhe hatten Gebet und Meditation ursprünglich gemeinsam.

Dabei hat das Wort "Meditation" in seiner wörtlichen Bedeutung etwas Irreführendes: "meditari" ist lateinisch für "nachdenken" oder "überlegen" – und das ist eigentlich ein rationaler Akt. Bei Marc Aurels "Selbstbetrachtungen" oder Decartes’ "Meditationen über die Grundlagen der Philosophie" wird die Meditation noch als eine vertiefte Denkübung verstanden. In der religiösen Meditation dagegen – und da gibt es zwischen der christlichen und den fernöstlichen Traditionen keinen wesentlichen Unterschied – ist damit eher der Zustand der Versenkung beschrieben – unter Ausschaltung des Verstandes.

Am längsten lässt sich die Tradition meditativer Innenschau in den hinduistischen und buddhistischen Religionen Indiens nachweisen. Die althergebrachten Yoga-Praktiken und Konzentrationsübungen finden sich auch im chinesischen Chan und dem japanischen Zen wieder. Es waren die Jesuiten, die vom Ende des 16. bis Anfang des 17. Jahrhunderts in China und Japan Mission betrieben und die spirituellen Praktiken der fernöstlichen Lehren in die christliche Exerzitienpraxis integrierten. Der exponierteste Vertreter eines solchen spirituellen Joint Ventures wirkte allerdings Jahre später: Der Jesuit und Zenmeister Hugo Makibi Enomiya-Lassalle (1898–1990) gilt als Wegbereiter der Verständigung zwischen Zen-Buddhismus und Christentum. Damit rannte Lassalle eigentlich offene Klostertüren ein: Im mittelalterlichen Christentum bildete die "meditatio" als gegenstandsfreie Anschauung zusammen mit der "oratio", dem Gebet, und der "contemplatio", der gegenständlichen Betrachtung, einen Teil der "lectio divina" – also der geistlichen Übung. Dass sich dabei die vielfältigsten Schulen und Richtungen herausbildeten, liegt auf der Hand.

Fest steht, dass sich die Kirchen heute wieder mehr auf die Kontemplation besinnen und buddhistisch angehauchte Meditationspraktiken zu ihrem spirituellen Angebot machen. Maria und Mantra, Josef und Yoga sind plötzlich kompatibel. Doch während sich die Gebetskultur immer mehr spirituell wandelt, scheint inzwischen die Meditation ganz ohne die alte Religion auszukommen. Schuld daran ist der Verlust eines Buchstabens, eines kleinen s, das den großen Unterschied macht: zwischen Heilserwartung und Heilerwartung. Die Verschmelzung mit Gott ist nicht mehr das Ziel der inneren Suche, jetzt geht es vielmehr darum, sich mithilfe seelischer Entspannungstechniken gesund zu halten, sich von Traumata und Leiden zu kurieren und sich bestenfalls selbst zu optimieren. Das Gebet sucht stets den Weg zu Gott. Die Meditation heutiger Prägung begibt sich auf den Pfad der Selbstfindung. Sie wechselt aus der Sphäre der Religion in die Therapiegesellschaft.

Schuld daran ist nicht zuletzt die berühmteste Popgruppe der Musikgeschichte: die Beatles. 1968 begaben sich die Fab Four nach Indien in einen Aschram, um einen Kurs in Transzendentaler Meditation des damals als Guru bekannten Maharishi Mahesh Yogi zu absolvieren. Mit Religion hatten die britischen Musiker nichts am Hut. Ihnen ging es in der Zeit um kreative Erleuchtung – die nicht zuletzt auch durch bewusstseinserweiternde Drogen bewirkt werden sollte. Der musikalische Ertrag dieser spirituellen Auszeit war jedenfalls ziemlich reich: Es entstanden in den ein bis zwei Monaten an die 40 Songs. Auch die Hippiebewegung trug massiv dazu bei, dass sich die Meditation immer mehr aus dem Bereich der Religionen verabschiedete. Sie wurde zu einer Psychotechnik. Dieser Zeit haben wir zu verdanken, dass im Laufe des letzten halben Jahrhunderts ein ganzer Meditationsmarkt entstanden ist, mit Schulen unterschiedlichster Prägung. Der Wandel der Meditation von der Religionspraxis zur entsakralisierten Therapietechnik hatte unweigerlich zur Folge, dass diese selbst nun parareligiöse Züge trägt. In kaum einem Feld gab und gibt es so viele Gurus, deren Jüngerschaft ihnen zu ihren weltweiten Auftritten nachreist. Der berühmteste Vertreter einer solchen Gattung war der Gründer der Bhagwan-Bewegung, Bhagwan Shree Rajnees, der nicht nur mit seiner "dynamischen Meditation" Abertausende "Orange People" um sich scharte. 20 Jahre nach seinem Tod werden immer noch seine Bücher und Videofilme vertrieben, es gibt Meditationszentren in 80 Ländern. Längst legten seine Anhänger die rote Kleidung und die Mala ab, eine Holzkette mit seinem Konterfei. Die Vertrauten, die heute sein Business verwalten, laufen dezent gekleidet herum, ihre Geldströme werden bedeckt gehalten. Dem guten Ruf, den die Meditation heute noch besitzt, konnten solche Exzesse offenbar nichts anhaben. Oder etwa doch?

Der Forschungsassistent Marco Schlosser entwickelte im Fachbereich Psychiatrie am University College in London eine Studie, die auch die destruktiven Seiten gewisser Meditationstechniken zu erfassen sucht. Ein Viertel der Befragten gab demnach an, negative Erfahrungen mit gewissen Meditationspraktiken gemacht zu haben. Panikattacken und Angstgefühle bis hin zu körperlichen Schmerzen erlebten Probanden am ehesten dort, wo eine dekonstruktive Meditationstechnik angewendet wurde. Dort wird alten Traumata nachgespürt, man geht in den Schmerz hinein, die Rückholung des Erlittenen löst neue Beschwerden aus. Religiöse Menschen, die meditieren, scheinen laut dieser Studie weniger negative Erfahrungen zu machen. Vielleicht weil es noch diese Instanz gibt, der man sich in der Not anvertraut. Es gibt kein dekonstruktives Gebet. Denn im Beten dreht es sich immer noch um Gott, während die Meditation heute meist nur noch um das eigene Ich kreist.