Nie werde ich diesen surrealen Moment vergessen, wie ich am Schalter des Polizeipostens stehe und meinen eigenen Sohn anzeige. Es geht um Drogenkonsum, Drogenhandel, Drohungen und Diebstahl. Das war vor vier Monaten.

Lange habe ich nicht realisiert, dass mein 15-jähriger Sohn Luca* ein Drogenproblem hat. Dass er verschreibungspflichtige Tabletten schluckt, Xanax, Tramadol, Oxycodon, dass er sich Codein-Drinks mixt und anderes. Das ist mir noch heute peinlich. Seit 30 Jahren arbeite ich im sozialen Bereich, habe auch suchtkranke Menschen betreut. Aber zu Hause, beim eigenen Kind, in den eigenen vier Wänden wollte ich es nicht wahrhaben.

Ich wusste, dass Luca angefangen hatte zu kiffen, als er 14 war. Darüber haben wir viel gesprochen, allzu große Sorgen machte ich mir aber nicht. Er erzählt mir ja immer alles. Das dachte ich zumindest. "Mami, wir waren im McDonald’s, und ich habe einem Kollegen 15 Franken geliehen. Kannst du mir diese leihen? Ich bezahle sie dir nächste Woche zurück, spätestens nach dem Rasenmähen!", sagte er mir. Dabei drehte sich längst alles nur noch um die Drogen und deren Beschaffung. 15 Franken hier, 20 dort, 50 bei jemand anderem.

Im Herbst 2018 dämmerte mir langsam, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung ist mit meinem Sohn. Ich konnte Luca kaum mehr dazu bringen, in die Schule zu gehen. Einmal stand ich vor ihm und sagte: "Hey, das ist doch nicht Gras, was ihr genommen habt. Schau dich doch an. Was läuft hier eigentlich?" Er hatte einen aggressiven Ausdruck, keinen Kifferblick, sondern weite, große Augen, Schaum in den Mundwinkeln. Wie eine Katze mit ausgefahrenen Krallen. Er sagte, er und seine Kumpels hätten Cannabis-Öl statt Gras ausprobiert, es fühle sich nicht gut an. Wieder glaubte ich ihm und dachte: Okay, jetzt haben sie Mist gebaut, das passiert ihnen nicht wieder.

Sein Zustand wurde immer besorgniserregender, und ich holte Hilfe. In der Praxis einer Therapeutin der Jugendpsychiatrie Baselland sagte uns die Ärztin, dass mein Sohn ein echtes Suchtproblem habe. Das kann doch nicht sein, dachte ich, er ist erst 15!

Ende 2018 brach der Wahnsinn offen aus. Einmal stand ich um drei Uhr morgens im Pyjama vor Luca, geweckt von lauter Musik. Es stank nach Gras, und da hingen sicher zehn Typen rum. "Geht nach Hause, das ist kein Club hier!", schrie ich sie an. Ein paar Wochen später wurden ich und andere Familienmitglieder plötzlich von einem jungen Mann, einem Dealer, bedroht. Mein Sohn hatte Schulden. Ich sah keine andere Lösung als mich mit ihm an einen Tisch zu setzen und ihm die 210 Franken zu geben. Danach hörten die Drohungen auf.

In dieser Zeit hatte ich nicht nur Angst um Luca, sondern auch Angst vor ihm. Eines Nachts wurde ich wieder von lauten Geräuschen geweckt. Ich ging hoch zu Lucas Zimmer. Da war überall Blut. Am Boden, an den Wänden, überall. Der erste Gedanke war, er habe sich etwas angetan. Panik! Gleichzeitig schossen mir alle möglichen Dinge durch den Kopf, was er angestellt haben könnte. Ich rief die Sanität, aber zu meinem Erstaunen stand eine halbe Stunde später die Polizei vor der Tür und verhaftete Luca. Er war im Drogenrausch in eine Apotheke eingebrochen und hatte Medikamente gestohlen. Mit einem Hammer hatte er das Schaufenster eingeschlagen und sich dabei an der Hand verletzt. Daher das viele Blut.

Ich musste in dieser Zeit viele schwierige Entscheide fällen. Das Schwierigste und vielleicht auch Wichtigste war der Entschluss, ihn bei der Polizei anzuzeigen.

Da muss ich etwas ausholen. Luca war in dieser Zeit bereits mehrmals in Schulheime eingewiesen worden, aber immer wieder abgehauen. Jedes Mal ging das Drama von vorne los. Eines Tages sagte mir ein Betreuer einer solchen Einrichtung: "Wenn Sie Ihren Sohn lieben, zeigen Sie ihn jetzt an." Nur so sei es möglich, dass er wieder verhaftet werde, wieder in U-Haft komme und danach in ein Heim mit Eins-zu-eins-Betreuung eingewiesen werden könne. Und so tat ich das Unglaubliche.

Ich schrieb ihm einen emotionalen Brief ins Gefängnis und erklärte ihm, dass ich ihn aus Liebe angezeigt hätte und darin die letzte und einzige Möglichkeit sehe, ihn endlich zu stoppen. Ich schrieb ihm auch, dass ich an ihn glaube und als Mutter nicht zulassen könne, dass er sich und sein Umfeld zerstöre.