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Vor vier Jahren, am 31. Dezember 2015, bestand mein Silvestermenü aus Linsensuppe, Hähnchenschenkeln und Tel Kadayıf. Statt mit Freunden musste ich es allein zu mir nehmen, denn damals saß ich in einer Knastzelle. Ich schüttete mir Kirschsaft ins Teeglas, der zumindest optisch dem Wein ähnelte, den man mir im Gefängnis nicht zugestand. Als der Fernsehbildschirm zeigte, wie überall auf der Welt das neue Jahr bejubelt wurde, rief ich meinem Zellennachbar unter der Eisentür hindurch "Gutes Neues Jahr!" zu. Gegenseitig wünschten wir uns, das neue Jahr möge uns die Freilassung bringen.

Damals las ich Viktor Frankls Trotzdem Ja zum Leben sagen. Darin erzählt er von einem KZ-Oberarzt, dem ein eklatanter Anstieg der Todesfälle im Lager in der letzten Woche 1944 und den ersten Tagen 1945 aufgefallen war. Dabei war weder die Arbeit erschwert worden, noch waren die Speisen verdorben, auch war keine neue Seuche ausgebrochen. Die Todesrate aber explodierte, weil die Häftlinge in naiver Hoffnung davon ausgegangen waren, bis Jahresende freizukommen. Mit dem neuen Jahr nahte dann die Enttäuschung. Ohne Hoffnung hielt die Gefangenen nichts mehr am Leben. Den Sinn des Lebens zu verlieren, so das Buch, bedeute, das Leben zu verlieren. Wie Nietzsche sagte: "Wer ein Warum hat zu leben, erträgt fast jedes Wie." Die meisten von uns klagen heutzutage über das "Wie", weil ein "Warum" fehlt. Dabei haben wir heute mehr Warum als je zuvor. So bieten etwa die Verkarstung unseres Planeten, der Aufstieg der Vandalen, große Migrationswellen oder die Rassismus-Epidemie uns ein Warum dafür, wofür und wogegen es zu kämpfen lohnt.

Wer aber die Hoffnung verloren hat, der meint: Der Planet sei nicht zu retten, die Gewalt nicht zu stoppen und der Vandale als solcher unbesiegbar. Aufgestaute Verzweiflung versetzt müde Geister in Sinnleere. Und manche, die vermeinen, den Sinn gefunden zu haben, schreiben auf ihre To-do-Listen bloß "Geld verdienen", "Carpe diem" oder "Nur auf sich selbst achten". Dabei mahnt die Erfahrung der Ende 1944 im KZ Gestorbenen, dass Sinnverlust dem Ende des Lebens gleichkommt.

Menschen werden ins neue Jahr starten in einem Schlauchboot auf der Ägäis mit einem Baby im Arm und dem Gebet, sicher ans Ufer zu gelangen. Andere mit Genesungswünschen für einen Angehörigen auf der Intensivstation, manche auch in der Hoffnung auf ein Festmahl am Neujahrsmorgen aus den Resten der Silvestermenüs im Müll. Und zahllose Gefangene in Einzelhaft, die denken, schreiben und sagen: "Die Welt möge ein besserer Ort sein", gehen mit dem Traum von Freiheit ins neue Jahr.

Vergessen Sie an der Schwelle zu 2020 all diese Menschen nicht. Wenn das Baby in der Ägäis ertrinkt, dem Kranken keine hilfreiche Hand gereicht, den vom Müll Lebenden kein minimaler Lebensstandard gesichert wird und dissidente Meinungen zensiert und bestraft werden, dann verliert die Welt ihren Sinn. Und das führt möglicherweise zu tödlichen Folgen für die Welt. Dabei könnte der Frieden, den wir uns verzweifelt für unsere erschöpfte Welt wünschen, näher sein, als wir denken.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe