Damit ich das tun konnte, was ich wollte, musste ich mit 16 vor Gericht ziehen. Ich wollte mich selbstständig machen, und das ist in Deutschland schwer, wenn man unter 18 ist. Da müssen eigentlich die Eltern alles unterschreiben. Für mich kam das nicht infrage. Ich wollte selbst dafür haften, wenn ich Fehler mache. Also habe ich vor Gericht meine vorgezogene Geschäftsfähigkeit beantragt und dann ein Gewerbe angemeldet, im Bereich Marketing und Tech. Ich glaube, viele Formulare, die ich gebraucht habe, haben die Mitarbeiter bei der Stadt Hildesheim nie zuvor gesehen.

Der Impuls für meine Existenzgründung entstand während eines Auslandsjahrs in Indien. Ich bin mit dem Gedanken hingeflogen, dass ich Entwicklungshilfe leisten möchte. Dort habe ich gemerkt, dass ich selbst von meiner indischen Schule noch viel Entwicklungshilfe brauche. Denn die Schüler dort lernen von der vierten Klasse an zu programmieren, das hat mich fasziniert. Seit der fünften Klasse finde ich die IT spannend. Dabei gab es auf meinem humanistischen Gymnasium nicht einmal das Fach Informatik.

"Meine Eltern waren anfangs nicht so begeistert, dass ich mein eigenes Unternehmen gründe und deshalb die Schule vernachlässigen würde."
Jakob Klement, 19 Jahre

Die Themen in der Schule haben mich größtenteils nicht interessiert. Das große Latinum habe ich zwar geschafft, aber in Altgriechisch habe ich eine Sechs geschrieben. Dafür habe ich früh angefangen, Apps zu programmieren. Zum Beispiel eine, die Hausaufgaben priorisiert und mir sagt, was ich zu tun habe. In der Schule ist das nicht wertgeschätzt worden. Es hieß: Konzentrier dich auf das, was wir hier machen. Irgendwann dachte ich: Das kann doch nicht sein, dass ich bloß Lateinvokabeln lernen soll.

Meine Eltern waren anfangs nicht so begeistert, dass ich mein eigenes Unternehmen gründe und deshalb die Schule vernachlässigen würde. Aber sie wussten, dass sie da keinen Einspruch einlegen konnten.

An meine ersten Marketingaufträge zu kommen war schwer. Dazu musste ich Klinken putzen: Ich schrieb Mails an alle, die ich aus meinem Nebenjob als Kameramann bei einer Marketingfirma kannte. Ich wollte interaktive Werbevideos drehen, programmieren und Apps entwickeln. In Meetings wurde ich oft nicht ernst genommen. Ich war der Nerd, der Spinner. Es hieß: Werd erst mal erwachsen! Ich hatte eine kindliche Stimme, war kleiner, habe flapsig geredet und wurde deswegen schnell als naiv abgestempelt. Mich frustrierte, dass es nicht um meine Arbeit ging, sondern um das, was ich war: ein 16-jähriger Junge. Manche Projekte musste ich deswegen aufgeben, wie eine App, in der man Erinnerungen archiviert und teilt. Über Stiftungen habe ich versucht, die App zu finanzieren. Aber sie hatten nicht genug Vertrauen in mich, weil ich so jung war. Den Satz "Viel Glück auf deinem Weg" kann ich nicht mehr hören. Dabei schwingt immer mit: Ich geh den Weg, aber nicht mit dir. Oft ist mein Gegenüber auch davon ausgegangen, dass das, was ich mache, eine Art Praktikum ist – und man für die Arbeit junger Leute kein Geld zahlen muss. Deswegen habe ich umsonst oder für ein sehr geringes Honorar gearbeitet.

Ich habe versucht, erwachsener zu wirken, indem ich mich gewählter ausgedrückt und Hemden statt Pullis getragen habe. Dabei war das Quatsch: Ich wollte schließlich Marketing für junge Leute machen und die Unternehmen zum Umdenken bewegen.

"Wir sind selbstbewusst, weil wir wissen, dass wir frei wählen können."

Es hat gedauert, bis ich mich selbst reflektiert habe. Inzwischen ist es mir wieder egal, wie ich vor Geschäftspartnern spreche: Wenn ich flapsig rede, müssen die Leute damit klarkommen. Die Arbeitswelt braucht uns Junge. Der Fachkräftemangel ist für die Arbeitswelt ein Problem, für unsere Generation ist es Luxus. Wir sind selbstbewusst, weil wir wissen, dass wir frei wählen können. Trotzdem hat vor dem Abi in meiner Stufe großer Druck geherrscht: Viele waren überfordert von den Möglichkeiten und wussten gar nicht, was sie wählen sollen.

2018 habe ich endlich einen Partner gefunden, wie ich ihn mir immer gewünscht habe. Ich lernte den Gründer der Orangery kennen – eines Start-ups, das andere Firmen berät und Coworking-Arbeitsplätze anbietet. Er hat mir nicht vermittelt: Ich komm von oben und du von unten. Stattdessen hat er mich zu einem Innovationsmanager der Orangery gemacht. Seit Anfang 2019 bin ich auch im Management als Chief Technology Officer und als Gesellschafter eingestiegen.