Außerhalb der Saison sprechen sich die Wittdüner Gastronomen ab, wer die Stellung hält. © Monja Gentschow für DIE ZEIT

Wer im Winter am Wittdüner Hafen von Bord geht, ist wahrhaft gestrandet. Die Schiffe verkehren spärlich, und die Überfahrt zum Festland (die Amrumer sagen: nach Deutschland) dauert zwei Stunden. Planen Sie also lieber eine Nacht ein, und hoffen Sie, dass Ihre Abreise nicht vereitelt wird, weil ein Sturm den Anleger überflutet.

Probieren Sie gar nicht erst, Ihrer Wetter-App eine Vorhersage abzuringen. Ziehen Sie stattdessen eine Mütze fest über beide Ohren, und halten Sie Ihr Gesicht in den Wind. Na, aus welcher Richtung weht er Ihnen entgegen? Merken Sie es sich. Dann können Sie gleich darauf achten, möglichst wenig Gegenwind abzubekommen. Vorerst gilt es, außer der Mütze noch Scheuklappen aufzusetzen. Ignorieren Sie die klotzartigen Bauwerke der 1970er, die den Ortseingang markieren. Wittdün hat Elementareres zu bieten. Das Dorf drängt sich auf Amrums Südzipfel; hier können Sie auf befestigten Promenadenwegen an der tosenden Nordsee flanieren.

Angenommen, der Wind kommt aus Westsüdwest, was häufig der Fall ist, dann wenden Sie sich zunächst nach rechts und spazieren am Nordstrand entlang, einer kleinen Sandbucht, die ans Hafenbecken grenzt. Im Sommer würden Sie hier Strandleben beobachten. Jetzt sind Sie froh, noch etwas Tageslicht zu erhaschen, um die verschiedenen Grautöne voneinander zu unterscheiden. Sand, Meer, Wolken, alles verwischt, aber wenn es nicht gerade nebelig ist, dann sehen Sie vor sich etwas erfrischend Rotes in den Himmel ragen: den Amrumer Leuchtturm.

Laufen Sie einfach tapfer weiter. Zu Ihrer Linken: verrammelte Häuser, dunkle Fenster. Hier und da führen Treppen nach oben, eine von denen sollten Sie nehmen. Vorher können Sie noch einen Blick über die rechte Schulter werfen und sich an den maritimen Motiven erfreuen. Der grau wabernde Nordseeteppich bis zur Nachbarinsel Föhr, der weiß-orange leuchtende Seenotrettungskreuzer, die Takelagen des Seezeichenhafens, dahinter die Friesenhäuser von Steenodde.

Sobald Sie die Stufen erklommen haben, gelangen Sie an die Inselstraße, die einmal über ganz Amrum führt. Sie werden sie später erkunden. Jetzt überqueren Sie sie und gehen weiter geradeaus. Egal an welcher Stelle Sie das tun, stehen Sie nach wenigen Minuten wieder am Strand, dieses Mal an Wittdüns Südwestseite, die zum offenen Meer zeigt. Sie schnappen vermutlich nach Luft – weil der Wind Ihnen entgegenschlägt oder weil Sie erstaunt sind, sich am Anfang einer Wüste wiederzufinden. Vor Ihnen erstreckt sich der Amrumer Kniep, eine kilometerbreite Sand- und Dünenfläche.

Mit Glück hat unten an der Wandelbahn die Strandbar Seehund geöffnet. Fackeln Sie nicht lange. Außerhalb der Saison sprechen sich die Wittdüner Gastronomen ab, wer die Stellung hält. Von der Strandbar aus können Sie die Südspitze der Insel umwandern. Ihnen wird immer bewusster, dass Sie seit Ihrer Ankunft kaum Menschen begegnet sind. Fühlt sich das komisch an oder genau richtig? Die Luft ist feucht und salzgetränkt. Auf einmal ist Ihnen danach, sich die Mütze vom Kopf zu reißen und im Kreis zu drehen. Meer, Meer, Meer, nur neben Ihnen ein Dünenhang, auf dem Häuser stehen. Kurz darauf bedecken Sie Ihren Kopf doch lieber wieder und biegen am Ende der Wandelbahn in den Ort ein.

Ihre Stimme ist bereits eingerostet, als Sie das gedehnte "Moin" eines anderen Spaziergängers erwidern wollen. Wundern Sie sich nicht, dass er eine Taschenlampe dabeihat. Vermutlich dämmert es bereits, und auf Amrum kann von Lichtverschmutzung keine Rede sein.

Sie folgen nun der Inselstraße, bereit für Zivilisation. Erwarten Sie nicht zu viel. Um diese Jahreszeit ähnelt Wittdün einem Geisterdorf. Andächtig können Sie an den Schaufenstern vorbeischreiten, sehnsüchtig die Cafés passieren. Dort, wo sonst eine Speisekarte hängt, heißt es jetzt: "Liebe Gäste, wir sind dann mal weg ..."

Irgendwann bemerken Sie einen Lichtschein und steuern darauf zu, dann haben Sie es gefunden, das eine geöffnete Lokal Wittdüns, das in dieser Woche Schnitzel-Notdienst anbietet. Noch nie hat Ihnen Frittiertes so gut geschmeckt. Am Tresen erfahren Sie, dass auch die Blaue Maus geöffnet hat, Amrums legendäre Kneipe.

Sie folgen der Straße in Richtung Ortsausgang. Der Wind hat nachgelassen, der Himmel ist oonjonk ("ofendunkel" auf Amrumer Friesisch). Sie tasten sich auf dem Fußgängerweg durch ein sumpfiges Birkenwäldchen, bis Sie zu einem Surfboard gelangen, auf dem mit Edding vermerkt wurde: "Heute ist AUF".

Ihre Schritte knirschen auf Muschelschalen, während Sie auf die blau-weiße Tür zugehen. Drinnen ein Kaminfeuer, die Rücken der Stammgäste, lauter einladende Ecken. Ihr Blick bleibt an einem riesigen Knochen hängen, der von der Decke baumelt. Sie wissen nicht, wo Sie zuerst hinschauen sollen, so viel gibt es zu bestaunen, und so entwöhnt sind Ihre Augen. Sie finden Ihre Ecke. Sie finden Ihr Getränk. Und merken: Von hier aus führt so schnell kein Weg von der Insel.