DIE ZEIT: Herr Lösch, Sie werfen in Ihren Theaterarbeiten gerne aktuelle soziale und gesellschaftspolitische Fragen auf. Beethovens Rettungsoper Fidelio lassen Sie nun in der Türkei spielen. Warum?

Volker Lösch: Die Welt, die hier geschildert wird, ist ein großes Gefängnis. Und die Türkei ist in Europa das aktuelle Beispiel für einen autokratisch geführten Staat, in dem Regimegegner durch Willkürjustiz im Gefängnis verschwinden und die Gewaltenteilung aufgehoben ist. Wenn man mit Beteiligten spricht, wird einem bewusst, dass in der Türkei letztlich jede demokratische Rechtsprechung aufgehoben ist. Es liegt also auf der Hand, Fidelio dort spielen zu lassen. Die Figur des Florestan ist jemand, der die Wahrheit gesagt hat, heute könnte es ein Journalist sein, der daraufhin ohne Prozess in Isolationshaft gesteckt und gefoltert wird.

ZEIT: Und wir sitzen gemütlich im Theater und schauen zu, wie er sein Leben riskiert und Leonore Grenzen sprengt. Ist das ein Widerspruch?

Lösch: Nein, denn Sie und ich, wir alle sind Leonore. Leonore macht das, was wir auch machen würden, wenn wir Probleme mit einem System oder einer Justiz hätten, die unschuldige Freunde und Verwandte wegsperrt: Sie ergreift Partei. Als sie erfährt, dass Florestan sie nicht mehr erkennt, halb tot, wie er ist, beschließt sie, sich auch für die anderen Gefangenen einzusetzen. Ihr Weg führt sie vom Einzelschicksal hin zum Engagement für viele, vom Privaten zum Gesellschaftlichen. Dieser Befreiungsimpuls springt am Ende auf die gesamte Gesellschaft über. Die Botschaft dieser Oper lautet: "Habe Mut, lass dich von niemandem einschüchtern, und setze dich für die Freiheit aller ein. Dann kann das scheinbar Unmögliche möglich werden." Wenn wir also Leonore sind, steckt in uns das Potenzial zur Veränderung. Ganz konkret: persönliches und politisches Engagement, wenn’s sein muss, unter Lebensgefahr.

ZEIT: Am Ende der Oper tritt der Minister als Deus ex Machina auf und sorgt für Recht und Ordnung. Ist das glaubhaft?

Lösch: Die staatliche Hilfe, die im Fidelio als Utopie beschrieben wird, ereignet sich nur, wenn der Einzelne in seinem Kampf bis zum Äußersten geht. Leonore hält Pizarro eine Pistole an den Kopf, dann erst tritt der Minister als Befreier auf. Der Staat kann allein nichts ausrichten, solange die Bürgerinnen und Bürger nicht dazu bereit sind, sich radikal für die Freiheit einzusetzen. Und die wiederum können ohne den Staat nichts erreichen – das ist Beethovens Botschaft. Wir gehen in unserer Inszenierung mit Beethoven über Beethoven hinaus, indem wir sagen: Eine freie Welt ist möglich! Wenn sich mein Einsatz potenziert, dann sind wir so stark, so stabil, dass Autokraten keine Chance haben.

ZEIT: Sie arbeiten oft mit Laien, auch jetzt wieder. Wie verträgt sich das mit dem Kunstanspruch der Oper?

Lösch: Ich nenne sie Zeitzeugen. Menschen, die von außen dazukommen, ihre Schicksale und Erlebnisse individuell beschreiben und so Teil der Kunstunternehmung werden. Bei Fidelio sind es eine Kurdin, drei Kurden und ein Türke, die selbst in türkischen Gefängnissen gefoltert wurden oder die Verwandte und Freunde haben, für deren Freilassung wir uns einsetzen. Unsere Inszenierung setzt jede der 16 Musiknummern direkt mit den Themen der Zeitzeugen in Verbindung: mit Verdrängung, Hoffnung, Kampf, Folter, politischem Engagement und Befreiung. Das funktioniert extrem gut mit diesem Stück, weil sich die Welten so ähnlich sind – und weil die Musik ein Kraftwerk der Gefühle und der Utopie ist.

ZEIT: Theater als politisches Forum?

Lösch: Ich glaube, dass das Theater Veränderungen bewirken kann, das sollte immer der Anspruch sein. Der Mensch und sein Verhalten sind veränderbar, das Theater liefert dafür die Impulse und Denkanstöße. Öffentlichkeit herstellen, Aufmerksamkeit schaffen, Diskurse auf den Weg bringen – das wollen wir. Das ist die Chance, die wir als Theater haben, diesen Funken zu schlagen.

Die nächsten Vorstellungen des Bonner "Fidelio" finden am 4., 16. und 24. 1. statt.