Jassir Arafat bricht in Gelächter aus. "It’s just a thunderstorm!", beruhigt der Palästinenserführer den erschrockenen Gast. Es ist eine stürmische Novembernacht, 1983. Arafat hat sich in der libanesischen Hafenstadt Tripoli verschanzt. Sein Gast heißt Carl Just, ist 27 Jahre jung und kommt aus den Schweizer Bergen.

Eigentlich ist er heftige Gewitter gewohnt. Aber der Knall war so laut, dass er meint, eine Bombe hätte eingeschlagen.

Tagelang hat der Reporter auf dieses Treffen warten müssen. Schlägt im Hotel die Zeit tot. Bis eines Nachts um zwei Uhr das Telefon klingelt: "The chairman wants to see you." Just lässt sich nicht zweimal bitten.

Sich nicht zweimal bitten lassen. Das war immer schon eines der Talente von Carl Just. Und möglicherweise sein Verderben. "Ich wollte so nah wie möglich ran. Ans Elend, an die Ungerechtigkeit, an die Macht. Mich trieb der Wunsch an, Kriege zu beschreiben, damit es weniger davon gibt. Vielleicht war das naiv, aber es war ehrlich", sagt er heute.

Carl Just sitzt an seinem Esszimmertisch im bündnerischen Maienfeld und raucht Kette. Früher die roten Marlboros, seit einigen Jahren American Spirit. "Sind sicher gesünder", sagt er ironisch und lacht. Seine Brille hat er auf den Kopf geschoben, über dem Hemd trägt er eine Reporterweste. In der Brusttasche stecken ein paar Kugelschreiber. Auf dem Tisch liegen alte Zeitungsartikel, Fotografien und Notizbücher. Es sind Reminiszenzen an eine eindrückliche Reporterkarriere.

Seine besten Jahre hatte Carl Just, als der Journalismus im deutschsprachigen Raum seine besten Jahre hatte. In den Achtzigern, Neunzigern und den Nullerjahren berichtete er für das Hamburger Nachrichtenmagazin stern und den Schweizer Ringier-Verlag und dessen Boulevardblätter Blick und Sonntagsblick, eine Zeit lang auch für die Schweizer Illustrierte. "Man dachte groß, war kosmopolitisch. Geld spielte keine Rolle, das Internet war noch keine Konkurrenz. Wenn irgendwo auf der Welt etwas passierte, schickten die Redaktionen ihre besten Leute raus." Just gehörte dazu.

Die Erinnerungen an diese Zeit würden heute achtlos in Kisten liegen, hätte sie Christa Stalder, Justs Partnerin, nicht akribisch sortiert. Er wollte lange nichts mehr davon sehen.

Er erzählt, sie ergänzt. Wenn er Zeiten durcheinanderbringt oder Namen vergisst, springt sie ein. Die Erinnerungsreise führt von Afrika über den Iran bis nach Afghanistan, von Italien über die Adria in den Balkankrieg im Herzen Europas. Er erzählt langsam, aber detailgetreu. Gibt Dialoge wieder.

"Als die Welt glaubte, Radovan Karadžić sei nicht auffindbar, fuhr ich mit ihm im Auto durch Bosnien", sagt er. Ein serbischer Autohändler aus der Ostschweiz habe den Kontakt zum Präsidenten der bosnischen Serbenrepublik arrangiert. "Ich saß im Wagen, wir fuhren durch das Land, und ich fragte Karadžić: 'Sie sind Psychiater, also Arzt, und Kriegsverbrecher. Wie passt das zusammen?' Er antwortete: 'Jesus Christus wurde auch missverstanden.' Der war eiskalt."

15 Jahre zuvor schickt ihn der stern nach Teheran. Die amerikanische Botschaft wird seit Monaten von islamistischen Studenten besetzt. "Ich reiste mit einem Touristenvisum ein, obschon ich wusste, dass ich damit nicht würde arbeiten dürfen. Aber es eilte halt." Am ersten Tag in Teheran wird er von Revolutionswächtern verhaftet, die ihn beim Fotografieren erwischen. "Zweimal drückte ich auf den Auslöser, schon klickten die Handschellen", lacht er heute. Just landete in einer Kellerzelle des Militärgefängnisses, zusammen mit seinem iranischen Übersetzer. Hinter Gittern gibt er das Großmaul. "Ich bin der letzte Freund aus dem Westen, den ihr noch habt", habe er seinen Aufpassern gesagt, Zigaretten verschenkt und dafür Wohlwollen bekommen. Nach wenigen Tagen wird er freigelassen.