In Carsten Linnemanns Lieblingsserie 24 wird der Geheimagent Jack Bauer im Laufe eines einzigen Tages aus seinem Wohnzimmer in eine Terrorhandlung hineinkatapultiert, bei der die Rettung des Vaterlandes immer mehr von seiner Person abhängt: seiner Risikobereitschaft, seiner Loyalität, aber auch seiner Skrupellosigkeit. Seine eigene Aufgabe als Chef der machtvollen Mittelstands- und Wirtschaftsunion der CDU/CSU, ein Posten, den er seit Herbst 2013 innehat, würde Linnemann vielleicht nicht mit der von Jack Bauer vergleichen. Aber ein gewisses Bedrohungsgefühl, eine Grundnervosität, ist da doch – und sie hat den gesamten Wirtschaftsflügel der Union erfasst.

Jahrzehntelang war man sich dort sicher, die Märkte seien meistens klüger als Planungsstäbe. Doch dann kam die Finanzkrise 2008, und das Urvertrauen war dahin, es folgte die Flüchtlingskrise mit einer CDU-Kanzlerin im Zentrum, dann Handelskriege mit dem einstigen Partner USA, der Dieselskandal, in den mehrere Autohersteller verwickelt sind. Dazu noch die Spätfolgen der Finanzkrise: Niedrigzinsen und die Entfremdung vom deutschen Sparer. "Das Haus droht einzustürzen", heißt es in einem Buch von Carsten Linnemann.

Linnemann kommt aus Ostwestfalen, wo die Welt der CDU noch in Ordnung ist

Der 42-jährige Bundestagsabgeordnete stammt aus Schwaney, einem 3000-Seelen-Dorf bei Paderborn. Er hätte dort bleiben, die Buchhandlung der Eltern übernehmen und ein Familienunternehmer werden können. Aber Linnemann wurde nach einem VWL-Studium in Chemnitz Assistent des damaligen Deutsche-Bank-Chefökonomen Norbert Walter. Später arbeitete er für die Deutsche Bank in Hongkong, New York und London – danach war es vorbei mit Paderborn.

Dann kam der Blitzeinschlag. Walter hatte Linnemann empfohlen, zur Mittelstandsbank IKB zu wechseln, damals eine "Vorzeigebank". Grundsolide, dachte nicht nur Linnemann. Doch die IKB hatte sich mit Immobilienkrediten in den USA verspekuliert. Sie kollabierte schon ein Jahr vor Lehman Brothers, im Juli 2007. Ihr Zusammenbruch wurde mit Milliardenzuschüssen abgewendet. "Das hat schon zu Selbstbefragung, zu Schuldbewusstsein in der Branche geführt", sagt Linnemann. Auch sein Respekt für die Investmentbanker, die Teufelskerle und Stars des Gewerbes, hat gelitten. "Heute achte ich niemanden mehr, der sein Produkt nicht erklären kann."

Schon im nächsten Atemzug kritisiert Linnemann – ganz Wirtschaftsunion –, die Deutschen neigten in ihren Reaktionen auf derartige Krisen zu "Überregulierung". Die internationalen Regelungen zur Vorhaltung von Eigenkapital findet er zwar richtig. Aber dass in Deutschland nun große und kleine Banken oft denselben Auflagen unterliegen, hält er für falsch. Sein Ideal – und das des deutschen Ordoliberalismus, dem sich die Wirtschaftsunion in ihrem Grundsatzprogramm verschrieben hat – ist ein Banker mit inneren Werten (statt staatlicher Zwänge). Der Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing kommt Linnemann da in den Sinn, der nicht nur ebenfalls Ostwestfale ist, sondern sich auch nicht zu schade sei, "mit der S-Bahn zu fahren. Mehr Augenhöhe, mehr Demut!"

Zu Hause in Paderborn ist die CDU-Welt noch in Ordnung. Hier hat Linnemann dreimal hintereinander ein Direktmandat mit Ergebnissen gewonnen, die für die Union in heutigen Zeiten ein Triumph sind: weit über 50 Prozent der Stimmen, mehr als die Kanzlerin in ihrem Wahlkreis. Für die CDU ist das wohlhabende Ostwestfalen, was für die SPD früher der Kohlenpott war: ein Jungbrunnen des unangekränkelten Selbstbewusstseins. Hier weiß man noch, wie beim Skat ein Grand ohne 4 geht. Von hier kommt der Fraktionsvorsitzende Ralph Brinkhaus, der Ex-Finanzstaatssekretär Steffen Kampeter, heute Hauptgeschäftsführer bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Und aus der Nähe, aus dem Sauerland, kommt natürlich auch der Mann, an den Linnemanns Diktion und Gestik gelegentlich erinnern: Friedrich Merz. Zusammen mit Unternehmen wie Bertelsmann, dem Elektrogerätehersteller Miele oder dem Landmaschinenbauer Claas ergibt das ein Lebensgefühl christdemokratischer Deutungshoheit, das ein paar Hundert Kilometer weiter östlich schon verschwunden ist.

Wenn man etwa den thüringischen CDU-Landesvorsitzenden Mike Mohring fragt, wie die Bundespartei seinem Landesverband die Niederlage im Herbst hätte ersparen können, nennt er unter anderem die Grundrente, um die er monatelang gekämpft hat – Carsten Linnemann hat im Bundesvorstand als einer von dreien dagegen gestimmt. Mütterrente, Rente mit 63 – für Linnemann sind all diese großkoalitionären Projekte teure, letztlich wirkungslose Symbolpolitik. Was er und die Mittelstandsunion wollen, hat eine andere Schlagseite: Senkung der Unternehmenssteuern, Abschaffung des Soli, keine Transferunion in Europa.

Dennoch ist Linnemans Erfolgsmodell – das, was ihn für die Union in diesen kritischen Zeiten so mehrheitsfähig macht – eine Art "mitfühlender Liberalismus". Nicht umsonst hat er zwei Legislaturperioden im Ausschuss für Arbeit und Soziales verbracht. Er will auf keinen Fall, dass die Mittelstandsvereinigung nur als Lobby der Wirtschaftsbosse rüberkommt. Auch wenn sie das natürlich weiterhin ist, aber eben nicht nur.