Einfach immer runter Richtung Wasser gehen, hatte meine Bekannte gesagt. Dann kommst du direkt bei der Bar heraus. Am oberen Ende des Hanges, in den die Stadt Dubrovnik gebaut ist, hatte dieser Tipp sinnvoll geklungen. Jetzt aber steige ich seit 20 Minuten Treppen hinunter, durch verwinkelte Gassen, ohne freie Sicht, und frage mich, an welcher Stelle von Dubrovniks langer Bucht ich wohl enden werde. Endlich ist der Abstieg geschafft: Ein paar Meter unterhalb der Straße liegt das Meer. Und tatsächlich, ich stehe direkt neben der Abakus Piano Bar.

Hier, ein paar Hundert Meter östlich der Altstadt, soll der Sonnenuntergang besonders schön sein. Ein Aufzug bringt mich vom Gebäudeeingang oben an der Straße nach unten, auf Meereshöhe. Ich betrete eine Jazzbar mit Flügel, vielen schwarzen Ledersesseln, schwarzen Granitsäulen sowie riesiger Fensterwand und Terrasse zum Wasser hin. Es arbeiten mehr Leute hier, als Gäste da sind. Das gefällt mir. Denn ich möchte heute Abend nicht nur gute Bars finden, sondern möglichst auch welche, die nicht überlaufen sind. Und das ist in Dubrovnik nicht einfach: Der Ort an der Adria ist die inoffizielle Hauptstadt der Kreuzfahrer. Gefühlt jede Stunde legt ein anderes Schiff im Hafen an.

Ich setze mich an den Tresen und bestelle bei Bosko, dem Barkeeper, ein Glas Cognac mit Ginger Ale auf Eis. Links von der Bar ist eine Art Ehrentribüne – an der Wand hängen prominente Sonnenuntergangsbeobachter, hübsch eingerahmt: Jean-Paul Sartre, Peter Dinklage und Willy Brandt seien alle Gast in der Bar gewesen, sagt Bosko, irgendwann mal. Sartre schaut mich allerdings an, als schäme er sich ein wenig dafür, die Wand einer Bar zu schmücken.

Ich nippe an meinem Drink, der gut zum Ambiente passt, edel und leicht zugleich. Die erdig-bittere Note des Cognacs mischt sich mit der Süße des Ginger Ales. Ich blicke aufs Meer und die vorgelagerte Insel Lokrum und freue mich über die entspannte Stille: Man hört weder Auto- noch anderen Lärm, nur das Rauschen der Wellen. Die Sonne allerdings geht nicht wie versprochen am Horizont unter, sondern verzieht sich langweilig hinter den Wolken. Mein Zeichen zum Aufbruch.

Ich frage Bosko, welche Bar er noch empfehlen könne, außer seiner eigenen. Er schickt mich die Bucht entlang nach Westen, direkt in die Altstadt. Auf Dauer entkomme ich den Kreuzfahrern also wohl nicht, sage ich mir, als ich durch eines der Stadttore laufe. Dubrovniks alter Kern ist dank seiner Stadtmauer mit Türmen und Verteidigungsanlagen seit 1979 Unesco-Welterbe. Noch nicht ganz so lange ist er auch Kultstätte für Game of Thrones-Fans. Seit die Altstadt als Drehort für die Hauptstadt King’s Landing diente, hat in Dubrovnik vieles Bezug zu der Serie: Wichtige Locations sind ausgeschildert; und in zahlreichen Pubs werden thematisch passende Cocktails serviert. Etwa der Jon Snow mit sehr viel Blue Curaçao und sehr viel Eis, als Anspielung auf den Serienkönig aus dem verschneiten Norden.

Inmitten des Rummels liegt, wie eine kleine Parallelwelt, die Poco Loco Bar an einem Altstadtplatz. Pero, Besitzer und Barkeeper in einem, mixt klassische Cocktails mit einem Twist: In seinen Istrian Old Fashioned kommen wie beim Klassiker Zucker und Angostura, er mischt aber Brandy statt Whiskey hinein und serviert das Ergebnis auf einem Schiefertablett unter einer Glaskuppel voller Rauch. So ist die rauchige Note des Drinks, anders als in der Whiskey-Variante, nicht konstant, sondern wird immer schwächer. Ein Drink, der sich Schluck für Schluck verändert.

An einer der grau-weiß marmorierten Wände prangt als Leuchtinstallation der Name der Bar, hinterm Tresen funkeln Hunderte Spirituosenflaschen, die Decke zieren schwungvolle Stuckschnörkel. Bewundern können das stilvolle Setting aber nur wenige: Bis auf zwei Tische gibt es bloß Sitzgelegenheiten auf der gut gefüllten Terrasse. Ich setze mich nach draußen, betrachte das nächtliche Treiben und nippe an meinem Drink, als plötzlich eine laute Hupe ertönt. Pero klärt mich auf: Ein Kreuzfahrtschiff beordert seine Schafe zurück in den Stall. Das Tuten hat eine erstaunliche Sogwirkung – wie bei Ebbe, wenn das Meer sich zurückzieht, scheinen die Massen von einer unsichtbaren Macht aus den Gassen gesaugt zu werden. Auch auf der Terrasse wird es spürbar ruhiger. Erstaunlich, wie viele Menschen auf so ein Schiff passen.

Kurz genieße ich noch die Ebbe, bevor ich Pero nach einem passenden Tipp für den letzten Ort des Abends frage. Er empfiehlt mir die Bar des Imperial Hilton Hotel. Für mich eher kontraintuitiv: Ich möchte den Touristenmassen ausweichen – und soll in ein Hotel gehen?

Von außen erinnert mich der imposante Klotz, nur wenige Fußminuten von der Altstadt entfernt, an den Film Grand Budapest Hotel. Drinnen glänzen Lampen, Tischränder und Fensterbretter golden, aber dennoch unaufdringlich. Ein Blick in die Karte erklärt die Einrichtung: Als das Imperial Ende des 19. Jahrhunderts gebaut wurde, diente es als Unterkunft für die ersten Kreuzfahrtgäste – und Kreuzfahrten waren damals eine edle Angelegenheit.

Ich setze mich an den Marmortresen. Statt Ralph Fiennes spielt hier der Barkeeper Patrik die Hauptrolle. Er setzt auf Eigenkreationen. Mir mixt er einen Drink aus dem Bergamotte-Likör Italicus und Bols Genever, einer Geheimzutat und Kamillenblüten. White Iverson nennt er das transparente Resultat, er serviert es in einem Ballonglas. Obwohl der Drink fast nur Alkoholika enthält, schmeckt er nicht danach, sondern angenehm frisch, nach Blumen und Frühling.

Die wenigen anderen Gäste hier scheinen das Gleiche gesucht zu haben wie ich. Ruhe. Dass die ausgerechnet in einem Hotel zu finden ist, ist eigentlich logisch, geht mir plötzlich auf: Wo Touristen übernachten, gehen sie meist nicht an die Bar. Und um eines beneide ich die Kreuzfahrer ja doch, denke ich, als ich später über Hunderte Treppen und verwinkelte Gassen wieder nach oben steige, zum Haus meiner Bekannten: Ihr Nachhauseweg ist leicht. Einfach immer runter Richtung Wasser gehen. Da kann man sich nicht verlaufen.