Gegen die fortschreitende Einsamkeit in der Gesellschaft hilft nur ein sozialer Pflichtdienst für junge Menschen.

Generation Y

Mein Zivildienst liegt mehr als zehn Jahre zurück und geht mir doch nicht aus dem Kopf. 2008 arbeitete ich als Individualbetreuer für einen Jugendlichen im Rollstuhl, er lebte in München, ging noch zur Schule, was wegen seiner Mehrfachbehinderung auch deshalb möglich war, weil er sehr energische Eltern, besonders umtriebige Betreuer und Helfer wie mich hatte – für Toilettengänge, zum Mitschreiben, für das Umziehen vor dem Sport, manchmal auch zum Mitdenken – weil, so ehrlich war auch der Jugendliche selbst, er sich manchmal darauf ausruhte, dass immer jemand bei ihm war.

Der Zivildienst dauerte damals neun Monate, wir waren 60 Jungs, die aus ganz Deutschland nach München gekommen waren, um bei einem Integrationsdienst zu arbeiten, der hilfebedürftige Menschen mit persönlichen Assistenten versorgte. Viele von uns hätten keinen Ersatzdienst machen müssen, die Ausmusterung war damals bereits leicht zu kriegen, viele Freunde gingen lieber für ein Jahr ins Ausland, reisten um die halbe Welt oder stürzten sich nach der Schule direkt in Studium oder Ausbildung.

Unter uns Zivis waren die wenigsten zuvor mit Menschen mit Behinderung in Kontakt gewesen, kaum jemand hatte Freunde im Rollstuhl, wir wussten im Grunde nichts über dieses Leben. Wenn wir uns heute gelegentlich wiedersehen, merken wir, dass wir uns nur noch in wenigen Dingen einig sind. Immerhin darin, dass 2008 bis hierhin eines der besten Jahre unseres Lebens war. Wegen der Verantwortung, die wir übernehmen durften. Weil es damals explizit nicht um uns ging. Es war im Rückblick auch wie die Ruhe vor dem Sturm der Zukunftsentscheidungen – Wohnort, Ausbildung, Studium, Job.

Viele verlängerten den Dienst sogar und blieben für ein ganzes Jahr. Und obwohl ich nahezu jeden Tag mit diesem einen Jugendlichen verbracht hatte, wir irgendwie auch so etwas wie Freunde wurden, ist mir doch besonders eine andere, sehr kurze Begegnung bis heute in Erinnerung geblieben. Wahrscheinlich, weil das damals meine erste ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema Einsamkeit in dieser Gesellschaft war.

Wegen dieser Begegnung habe ich bis heute das Bedürfnis, bei jeder Gelegenheit für eine Wiedereinführung des Zivildienstes plädieren zu müssen. Weil ich weiß, dass ich heute ein anderer Mensch wäre, hätte mich niemand in dieser Lebensphase zu Umsicht und zu Begegnungen dieser Art verpflichtet.

Ich sollte bei einer älteren Dame in Neuperlach, Münchener Osten, vorbeischauen, für sie putzen und einkaufen. Es war ein anstrengend heißer Sommertag. In Bayern waren Schulferien, in der Schule wurde ich als Zivi gerade nicht gebraucht. Die Dame war vielleicht 80 Jahre alt, sie lebte in einer gigantischen Hochhaussiedlung, einem Wohngebirge, kreisrund angeordnet. Keine Spur von diesem München-Klischee. Beton statt Protz. Unerbittlich heizte an diesem Tag die Sonne von oben, unten schien der Asphalt zu glühen.

Ich meine, es war im 13. Stock, eine Frau mit grauen Haaren und gekrümmtem Rücken öffnete mir die Tür. Die Luft in ihrer Einzimmerwohnung hätte man schneiden können, alle Fenster waren geschlossen, als hätte sie noch nicht mitbekommen, dass der Winter längst vorbei war. Die Dame folgte mir auf jedem Schritt durch ihre Wohnung, ihr schien egal, was genau ich da tat, sie nutzte lieber jede Sekunde, um mit mir zu sprechen.

An ihren Erzählungen merkte ich, dass lange niemand mehr bei ihr gewesen sein musste, sie drehte sich oft im Kreis, wirkte allein in ihrem Kopf, sie erzählte von Dingen, die sie vor Jahren, Jahrzehnten erlebt hatte. Bei Nachfragen stoppte sie kurz und fing dann wieder ganz von vorne an. Ich setzte mich anschließend noch kurz zu ihr, hörte zu, hatte aber nicht viel mehr anzubieten als ein offenes Ohr und ein freundliches Lächeln. Als wir uns verabschiedeten, meinte ich ihren Blicken ansehen zu können, dass sie nicht wusste, wann das nächste Mal jemand an ihrer Tür klingeln würde. Zurück im Hausflur atmete ich tief durch, fühlte mich bedrückt und war froh um jeden noch so kleinen Windstoß. Seitdem muss ich immer wieder an ihre geschlossenen Fenster im Hochsommer denken.