Revolutionäre werden vor allem von Menschen gefeiert, die die Revolution nicht am eigenen Leib erleben müssen. Die Ikone leuchtet fern vom Geschehen umso stärker, nichts kratzt an ihrem Lack. Deshalb wird der Befreiungstheologe Ernesto Cardenal auch in Deutschland, dem Ursprungsort der Romantik, besonders verehrt. Er scheint eine gelungene Kreuzung zwischen dem chilenischen Dichter Pablo Neruda und dem kubanischen Commandante Che Guevara zu sein. Beide brachten die linken Schwärmer mit Rotwein im Magen und roten Gedanken im Kopf auf Hochtouren.

Ernesto Cardenal feiert am 20. Januar seinen 95. Geburtstag. Ein Priester, Poet und Politiker, schwarze Baskenmütze, Kinnbart, sein wacher und zugleich nach innen gerichteter Blick steht für Unbeugsamkeit und liegt völlig quer zu dem Hassbild der grauen alten Männer, die angeblich nur an sich und ihrem Machterhalt interessiert sind.

Im Januar 2019 sah es noch so aus, als würde Cardenal das Jahr nicht überleben, so schlecht war es um seine Gesundheit bestellt. Einen Monat später hatte sich sein Zustand wieder gebessert. Auch das gehört zum Bild eines vollendeten Revolutionärs: noch einmal aufstehen, wenn die Lage doch aussichtslos erscheint.

Ernesto Cardenal steht völlig quer zu dem Hassbild der grauen alten Männer, die angeblich nur an sich und ihrem Machterhalt interessiert sind.

Dass der nicaraguanische Priesterdichter überhaupt wieder zelebrieren darf, ist keine Selbstverständlichkeit. Schließlich verbot ihm Johannes Paul II. 1985 die Ausübung jeglichen priesterlichen Dienstes. Und auch Papst Benedikt XVI. sah keine Notwendigkeit, dieses Verbot wieder aufzuheben. Erst Papst Franziskus hat nach mehr als 30 Jahren im Februar letzten Jahres sämtliche Sanktionen aufgehoben. Vielleicht war es als Versöhnungsgeste am Sterbebett gemeint. Cardenal sah das wohl eher als Ermunterung "aufzustehen".

Mittlerweile richtet sich sein Zorn nicht mehr gegen reaktionäre Diktatoren wie Anastasio Somoza, sondern gegen seinen alten linken Mitstreiter Daniel Ortega, Anführer der sandinistischen Revolution. Cardenal hatte zu Somozas Sturz beigetragen und Ortega 1979 als Kulturminister gedient. Heute wird Cardenal mit den Worten zitiert, Ortega sei ein "kleiner mieser Diktator". Sich politisch zu korrigieren ist eine Tugend, ähnlich wie die christliche Umkehr. Noch immer nennt sich der Alte "Sandinist, Marxist und Christ". Reine Lehre also. Renitente Katholiken werden dem Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels sicher ein besonderes Ständchen singen. Jetzt, wo man im katholischen Kirchenmilieu ein Aufständlein wagte, Stichwort Maria 2.0, war dieser mehrfach ausgezeichnete Literat vielleicht nie so wertvoll wie jetzt.

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