Mein Großvater war der Erste, der mir von den Wasserfällen von Iguazú erzählte. Er hatte eine Pianistin aus Montevideo geheiratet, den Krieg mit seiner Familie in Buenos Aires verbracht und kehrte danach immer wieder nach Südamerika zurück. Heute kann ich mich nicht mehr erinnern, was genau ihn an den Fällen begeisterte, doch mir ist seine Stimme im Ohr geblieben, die jede Silbe des Namens betonte, als handele es sich um einen Flan, einen Karamellpudding, der auf der Zunge zerging: "I-Gua-Zú! I-Gua-Zú!"

© ZEIT-Grafik

Als ich neulich bei meiner südamerikanischen Verwandtschaft zu Besuch war, beschloss ich, der Faszination meines Großvaters nachzugehen und mir die Fälle anzusehen. Sie liegen an der Grenze zwischen Argentinien und Brasilien, zwei Flugstunden von Buenos Aires entfernt, und gelten als Weltwunder der Natur.

Ich machte Station in Puerto Iguazú, einem Nest mit brüchigen Bordsteinen auf der argentinischen Seite. Der Zufall wollte es, dass mein Besuch auf den Vollmond fiel. Und für diese Nacht, hatte ich erfahren, wurden sogar besondere Wanderungen an die Fälle angeboten; zu dem Spektakel des Naturwunders würde sich also auch ein kosmischer Moment gesellen.

Während die Sonne hinter dem Horizont versank, saß ich im Patio meines Hotels und wartete auf die Angestellte eines Reiseveranstalters, die mich für die Tour abholen sollte. In den Palmwipfeln über meinem Kopf schrie ein tropischer Vogel. Zur Vorbereitung auf die Wanderung hatte ich aus drei Kaffeetassen ein Modell des Sonnensystems angefertigt und versucht, mit seiner Hilfe das Phänomen der Mondphasen zu verstehen. Dabei verblüffte mich vor allem die Tatsache, dass es dem Mond gelingt, sich um die eigene Achse zu drehen und gleichzeitig der Erde immer dieselbe Seite zu zeigen. Seine Rückseite, die Pink Floyd besungen hatte und die kürzlich zum Ziel einer unbemannten chinesischen Expedition geworden war, bleibt dem Auge verborgen.

Mehr noch: Ein Vollmond scheint am Firmament, so las ich auf Wikipedia, wenn "Sonne und Mond in Opposition zueinander stehen, also von der Erde aus gesehen in entgegengesetzter Richtung". Was war damit gemeint? Was waren die "Richtungen" von Sonne und Mond? An welcher Stelle des Horizonts gingen sie auf, wo gingen sie unter? Wie konnte die Sonne überhaupt den Mond bescheinen, wenn sie sich nachts auf der anderen Seite der Erde befand?

Ich geriet ins Grübeln. Ein Ursprung der Mathematik mochte in unserem Versuch liegen, die komplizierte Dinglichkeit solcher Zusammenhänge durch Abstraktion fassbar zu machen. An die Stelle des Durcheinanders der Kaffeetassen tritt Geometrie, die Formel, ein klares Gesetz. Doch dann wurde ich abgeholt, und wenig später saß ich mit meiner Begleiterin in der Zubringer-Bimmelbahn, die mich und eine Hundertschaft anderer Touristen dem Oberlauf des Rio Iguazú näher brachte, durch die Reste des Regenwalds hindurch, der einst weite Teile der südamerikanischen Atlantikküste bedeckt hatte.

Ich saß inmitten einer Gruppe von Amerikanern, die sich offenbar auf der Höhe ihrer Kaufkraft befanden. Sie führten Kameras und Objektive mit sich, die einem professionellen Fotografen alle Ehre gemacht hätten. Ihre Expeditionskleidung war wahrscheinlich nur für diese Reise angeschafft worden. Das war sie, die Verschwendungssucht der Neuen Welt, dachte ich. Dabei war ich, dachte ich gleich anschließend, letztlich ein Tourist wie sie, ein Flugreisender, und also ökologisch gesehen auch eher Teil des Problems als Teil der Lösung.

Nahe der Endhaltestelle schlummerte unter Bäumen eine Imbissbude, an der Müllsäcke lehnten. Vom Bahnsteig strömten wir über einen Schotterweg in ein Gehölz, das sich abrupt öffnete. Vor uns sprang ein Steg über einen lautlos im Mondlicht dahinjagenden Fluss von Inselchen zu Inselchen.

Ich hatte keine Vorstellung davon, wo wir uns befanden. Stative und Selfiesticks spreizend wie eine Raupe ihre Borsten, setzte sich der Pulk auf dem Steg in Bewegung. Dessen Boden bestand aus Metallgittern. Durch die Maschen und um mich herum sah ich, fühlte ich in bedrohlicher Nähe den Fluss. Es musste geregnet haben, denn sein Pegel war angeschwollen und über die Ufer getreten. Alles war von gespenstischer Größe – der Vollmond, die Körper der Amerikaner, ihre eisgrauen Schnauzbärte, der Durchmesser ihrer Objektive, die Geschwindigkeit des Wassers, dessen schiere Menge.

"Komm!", wisperte der Fluss, "ich bin ganz nah. Fühl mich mit deiner Hand. Gleite in mich. Lass dich von mir davontragen ..." Währenddessen folgte ich dem Verlauf des Stegs über ein Inselchen hinaus auf noch mehr Wasser. Ich spürte eine Brise im Gesicht. Die Temperatur fiel um mehrere Grad. Über blauschwarzen Büschen in den Fluten stieg eine Nebelwand auf. Dahinter bot sich mir ein verstörender Anblick.