Erwachsen werden

Von Maxim Biller

Wir saßen im Arbeitszimmer der großen Eleonore Büning an ihrem Schreibtisch am Fenster, draußen lag tiefer, fast schon milchiger Nebel über der menschenleeren Fichtestraße und dem scheußlichen Fichtebunker, und drinnen war überall Beethoven. Auf dem Schreibtisch lagen und stapelten sich Beethoven-CDs, an der Wand daneben hing über ein paar Familienfotos und einem kleinen, traurigen Blumentopf ein riesiges Beethovenplakat, und auf einem Notenständer vor dem Flügel lagen, wie ausgestellt, Beethovenbroschüren und -bücher.

"Frau Büning", sagte ich, "ich verstehe diese ganze Beethovensache nicht. Und deshalb verstehe ich mich selbst nicht. Wieso kann ich nicht wie alle anderen Menschen den größten Komponisten aller Zeiten lieben?"

"Machen Sie sich keine Sorgen", sagte Eleonore Büning, die deshalb die große Büning ist, weil sie noch eine echte Old-School-Kritikerin ist mit einer eigenen Meinung, einer eigenen Sprache und sehr viel reich-ranicki-haftem Selbstbewusstsein, "Beethoven hat auch eine Menge schreckliches Zeug geschrieben. Vielleicht kennen Sie nur das." Danach spielte sie mir auf dem kleinen, silbernen CD-Player, der neben ihrem Laptop stand, die Egmont-Ouvertüre vor, und dabei schüttelte sie sich, als müsste sie Zitronenwasser auf nüchternen Magen trinken. "Was für ein pompöser Schwachsinn, stimmt’s?" Sie lachte laut und mädchenhaft.

Es war Sonntagmorgen, drei Tage vor Weihnachten, viele schliefen noch. Als ich kurz vorher mit dem Taxi durch die verlassenen, nebligen Straßen Berlins, der hässlichsten Stadt der Welt, die heute etwas weniger hässlich war als sonst, von Mitte nach Kreuzberg gefahren war, hatte ich den Fahrer gefragt, ob er Beethoven mag. Er kannte nicht einmal seinen Namen, er kannte nur Mozart, und den mochte er nicht. "Mein Herr", sagte er, "ich bin Araber. Ich höre morgens Fairuz, das macht mich wach. Und abends höre ich vor dem Einschlafen Umm Kulthum, dabei kann ich immer sehr weit denken."

"Ach, wie schön", sagte Eleonore Büning, als ich ihr das erzählte, und jetzt spielte sie mir auf ihrem alten CD-Player den letzten Satz aus der Sturmsonate vor, damit ich auch mal etwas Gutes von Beethoven hörte und richtig weit denken konnte. Während wir zuhörten und ich leider nur dachte, zu viele Noten, zu viel Vergangenheit, zu viel Ernst und keine einzige Blue Note, schloss die große Büning glücklich die Augen. "Was soll ich machen?", sagte sie, als sie nach ein paar Minuten auf die Stopptaste drückte, "Beethoven ist mein Leben."

Dann erzählte sie mir in ein paar Sätzen ihre Beethoven-Story: Bonn, das Beethoven-Haus, der Beethoven auf dem Münsterplatz, die vier Geschwister, die alle ein Instrument spielen mussten, das Studium der Musikwissenschaften, die Doktorarbeit mit dem Titel: Wie Beethoven auf den Sockel kam, die Beethovenreihe beim rbb, ihr Beethovenbuch, das jetzt auch auf ihrem Schreibtisch lag und das ich später hoffentlich mitnehmen dürfte.

"Okay, ich verstehe", sagte ich. "Aber wie kam Beethoven auf den Sockel? Warum war er der Größte?"

"Beethoven kannte noch das Ancien Régime",sagte die Büning streng. "Er war noch in einer Zeit geboren, als die Fürsten, die Pfaffen und der Generalbass hier unten für göttliche Ordnung sorgten. Aber er wollte mehr, er wollte etwas anderes, er wollte eine freie Zukunft. Und das hört man bei ihm wie bei keinem anderen." Ich schwieg und wurde immer trauriger darüber, dass Beethoven nichts mit mir machte, genauso wenig wie Mozart, Brahms und die anderen sehr alten Herren. Ich spürte erst ab Mahler und Schostakowitsch etwas, auch Umm Kulthum brachte mich mit ihren endlosen, sich immer weiter auftürmenden Jammerarien manchmal ganz schön durcheinander.

"Kann es sein", sagte ich und sah an der großen Büning vorbei aus dem Fenster, "dass Beethoven für mich das Ancien Régime ist und mich deshalb nicht interessiert?"

"Unmöglich!", rief sie aus – ja, sie wurde wirklich ein bisschen laut und zornig –, "denn so viel von dem, was er und die Französische Revolution wollten, ist bis jetzt nicht erreicht. Und darum ist seine Musik noch immer von heute. Und von morgen auch ..."

"Okay", sagte ich, "ich glaube, jetzt habe ich es wirklich verstanden." Und weil ich sah, dass der Nebel draußen noch immer dafür sorgte, dass Berlin ein bisschen weicher, freundlicher aussah als sonst, wurde ich auch ganz freundlich und weich. Und dann sagte ich auch noch leise: "Danke, dass ich kommen durfte, Frau Büning, wirklich. Danke, dass Sie mit mir gesprochen haben. Ich gehe jetzt besser wieder und mach meine Hausaufgaben. Darf ich Ihr Beethovenbuch haben?"

Als Kind musste ich mit meinen Eltern oft zum Prager Frühling, dem Festival, in Dvořák- und Mozart-Konzerte, und Beethoven spielten sie im Smetana-Saal im Obecní dům am Platz der Republik damals natürlich auch sehr viel. Das war ganz schrecklich und langweilig. Und dass mein Vater beim Übersetzen die ganze Zeit klassische Musik hörte – meistens Beethovens Violinkonzert oder das Tripelkonzert –, fand ich zwar irgendwie rührend, aber gleichzeitig fragte ich mich, wie er sich dabei konzentrieren konnte, wieso ihn diese permanente Ergriffenheit und zwanghafte Virtuosität nicht nervte und ablenkte. Dass mir das erst heute, nach so vielen Jahren, wieder einfiel, überraschte mich nicht – eher, dass es mir sofort wieder schlechte Laune machte.

Get over it, dachte ich jetzt, als ich nach diesen zwei viel zu kurzen, aufregenden Stunden aus dem Haus der großen Büning auf die leere, weite Fichtestraße trat, mir die Kopfhörer meines Telefons aufsetzte und bei Spotify die Sturmsonate von Glenn Gould anmachte, get over it und werde endlich erwachsen.