Nur reichte es irgendwann der Lehrerin. Sie fand, etwas Temperamentvolleres, Melodiöseres müsse her. Ich sei viel zu verspannt, Schulter beim Ohr, Bach ganz der Falsche. Mit einem Ruck zog sie den Sturm heraus, dritter Satz. Ich fiel fast in Ohnmacht. Sie spielte mir die linke Hand vor. Ist doch schön, sagte sie, gefällt dir das nicht? Und man muss es nicht so schnell spielen!

Erst dachte ich, es sei Schändung, aber bald wurde mir klar, dass es die vollkommene Einverleibung war. Besser könnte man es niemals durchdringen, als sich Takt für Takt durchzuschlagen wie durch einen faszinierenden Urwald. Fragen Sie bitte nicht, wie es klang. Glauben Sie bitte nicht, ich hätte es je ohne hundertzwanzig Fehler geschafft. Den fiesen Mittelteil (im Grunde nur zerlegte Dreiklangs-Tändeleien mit Anklängen des Motivs, aber quer durch Tonleitern, die aussehen wie b- oder #-Friedhöfe) kann man nur auswendig spielen. Viele Seiten Musik auswendig lernen, das geht für Laien nur mit allergrößter Anstrengung. Es dauerte den ganzen Sommer. Erst verschaffte ich mir den Schlüssel zum altersschwachen Klavier im Pfarrsaal meines Brandenburger Dorfes, dann kaufte ich ein elektronisches für das Ferienhaus. Im Herbst konnte ich den dritten Satz auswendig, nie fehlerfrei, nie schnell genug, aber jede dieser zauberhaft-ungestümen Noten war in meinem Gehirn gespeichert. Die Lehrerin legte neue Stücke vor, Chopin, Schubert. Die Sturm-Noten entfielen dem Gedächtnis rasend schnell, hundertmal schneller, als ich sie mir eingeprügelt hatte. Bald danach schloss ich das Klavier für immer. Es ging in Ordnung, es war vorbei. Der Sturm war mein Marathon, mein Fallschirmsprung gewesen, das, was ich mir rückblickend selbst kaum glauben kann. Der Roman wurde fertig, und ich verfiel, bloß als Hörende, einem neuen Beethoven-Wunder: der letzten Klaviersonate op. 111. Ja klar, Thomas Mann, Doktor Faustus und so. Meine 111er-Geschichte aber ist ganz kurz, denn nach Prüfung vieler Aufnahmen legte ich mich fest, auf die merkwürdigste und exzentrischste Interpretation: die von Anatol Ugorski, der für den zweiten Satz zehn Minuten länger braucht als alle anderen. Keine andere! So muss man das spielen! Nur dann hört man atemlos, dass Beethoven den Boogie erfunden hat. Ugorskis Spiel schießt einen am tiefsten in die himmlischen Sphären hinein, in die Kontemplation, den Abschied, die Trauer und das vollkommene Glück darüber, dass man gelebt hat. Es gibt nur einen Gott, und er heißt Ludwig van Beethoven.

Ein politisches Ziel

Von Sahra Wagenknecht

Ich liebe Beethoven. Seine wunderbaren Sinfonien, vor allem die kraftvoll-mitreißende Eroica, seine melancholischen Klavierkonzerte, nicht zuletzt seine wohl berühmteste Liebeserklärung an eine bis heute unbekannte Frau: Für Elise. Und ich hasse es, früh aufzustehen. Um den morgendlichen Leidensdruck zu mindern, habe ich daher irgendwann beschlossen, den plärrenden Weckton meines Handys durch die sanfte, geradezu zärtlich umarmende Melodie von Für Elise zu ersetzen. Nun wäre es zwar übertrieben zu sagen, dass ich mich seither auf den frühen Weckruf freue, aber immerhin: Es hilft. Allerdings sollten mögliche Nachahmer beachten: Für Elise ist nicht gleich Für Elise. Viele Interpreten spielen das Stück nach meinem Empfinden viel zu schnell. Je jünger die Aufnahme, desto hektischer wird es, jedenfalls im Trend. Ähnliches gilt auch für andere Beethoven-Stücke. Die Hyperbeschleunigung aller Lebensbereiche lässt offenkundig keinen Raum mehr für Romantik in Moll. Eine Gesellschaft, die Beethoven wieder spielen kann, wäre in vieler Hinsicht ein lohnendes politisches Ziel.

Im zweireihigen Glencheck-Anzug

Von André Heller

Man konnte ihn nicht übersehen. Bei Schönwetter im Frühling oder Sommer stand er tagsüber nahe dem Eingang der Wiener Michaelerkirche, am Vorplatz der kaiserlichen Hofburg. Wie ein derangierter, aus allen Gnaden gefallener Adeliger wirkte er mit seinem furchenreichen Gesicht und der schlohweißen Löwenmähne. Bekleidet war er stets mit zweireihigen Glencheck-Anzügen, unter denen an Kragen und Manschetten stark abgestoßene blaue Hemden blitzten, als Schuhzeug trug er kurze Schnürstiefel. Wenn ich ihn anlächelte, nickte er etwas gönnerhaft und deutete auf die etwa siebzig Zentimeter hohe und vierzig Zentimeter breite Sperrholztafel, die mit einem dünnen Seil um seinen Hals befestigt vor seiner Brust baumelte. Das Schild trug eine unvergessliche Inschrift in Blockbuchstaben: "Hochlöbliche Passanten! Mein Name ist Raffael. Ich bin von Geburt an taub. Falls Ihnen die Musik Ludwig van Beethovens eine Freude oder zumindest Inspiration bedeutet, gibt es für Irdische leider keine Möglichkeit mehr, ihm persönlich zu danken. Ich habe mich daher, vor bald dreißig Jahren, entschlossen, an seiner Stelle den Dank, der ihm gebührt, entgegenzunehmen. Geben Sie mir bitte reichlich! Sein Genie hat schließlich unbestreitbar Wesentliches für die Menschheit geleistet."

Mitte der Achtzigerjahre starb Raffael, hochbetagt. Man erzählte sich, dass er dem Archiv des Wiener Musikvereins für wissenschaftliche Arbeiten zu Leben und Werk Ludwig van Beethovens ein Vermögen von über dreihunderttausend Schilling hinterließ.