Ein Dezembermontag in Bonn, Weihnachtsmarkt. Statt eines Baumes steht in der Mitte des Münsterplatzes die mit Lichtringen geschmückte Beethoven-Statue. Man muss als ortsunkundiger Mensch ein bisschen suchen, um sie zu finden: hinter einem ratternden, klingelnden "Bonner Riesenrad". Menschen essen Crêpes, Lautsprechermusik schallt, überall treten Füße, knautschen Daunenjacken, murmeln Stimmen, und der, der in der Mitte thront, thront vor sich hin. Groß und fern und dunkel vor dem Lichtorkan, seltsam deplatziert wirkend.

In diesem Jahr feiert die Welt den 250. Tauftag (Beethovens Geburtstag ist nicht bekannt) des Stein gewordenen Hünen, und Bonn präsentiert sich als die Hauptstadt der Feierlichkeiten. Über 300 Veranstaltungen werden es sein, Konzerte, natürlich, aber auch Ausstellungen, Lichtinstallationen oder die durch eine künstliche Intelligenz vervollständigte Neunte Sinfonie auf der Bühne. Dazwischen eine ganze Menge Vermarktungs-Gimmicks statt Musikvermittlung, aber das gehört wohl dazu wie die Mozartkugel zu Salzburg.

Da rollt ein Beethovenscher Overkill auf den Ort zu, der im Grunde aber ganz gut zur Arbeit des "Genies" passt: eine kleine Idee, aus der am Ende eine riesengroße, pompöse Sinfonie entsteht. Auf dem Weg dorthin wird in den Skizzen viel gestrichen, korrigiert und übermalt und mitunter mit dem Hobel so lange auf dem Notenblatt herumgekratzt, bis es reißt. Bonn wird zum Spiegel seines berühmtesten Sohnes.

Das Verhältnis zu dem Komponisten ist ambivalent in dieser Stadt. Man schmückt sich mit seinem Namen – immerhin wurde er hier geboren und verbrachte seine ersten 22 Lebensjahre am Rhein –, stellt grinsende Statuen in Friseursalons und Cafés, klebt sein Konterfei ins Schaufenster, trägt rote Schals und backt Beethoven-Plätzchen. Doch gleichzeitig ringt ein Format wie das Beethovenfest um seine Auslastung. Über die Hälfte der Besucher des Beethoven-Hauses kommen aus Übersee statt aus dem Rheinland, und die seit Jahren stockende Renovierung der Beethovenhalle sorgt für politische Spannung. Manche sehen das Jubiläumsfest als eine Chance, Beethovens Musik zu zelebrieren, sie in neuen Kontexten "neu zu entdecken", wie das Motto des Jahres verheißt. Da gibt es die Hoffnung, Menschen, die sonst nicht ins Konzert gehen würden, auf das Spätwerk oder unbekanntere Kompositionen aufmerksam zu machen. Andere dagegen sehen im Namen Beethoven ein Mittel, um internationale Aufmerksamkeit auf Bonn zu lenken.

Ohne engagierte Bürger wäre Beethoven aus dem Bewusstsein Bonns verschwunden

Doch vielen Bonnern ist nicht einmal klar, wer dieser Beethoven eigentlich ist und was 2020 überhaupt gefeiert wird. Von solchen Erfahrungen erzählen, teilweise sehr vorsichtig, manche derer, die sich in Bonn für Beethovens Erbe einsetzen: Das Jubiläumsfest soll, so hofft es Malte Boecker, Direktor des Beethoven-Hauses und künstlerischer Geschäftsführer der Jubiläumsgesellschaft BTHVN2020, nicht nur Bonn groß machen, sondern vor allem den Bonnern ihren ehemaligen Mitbürger näherbringen. Schön wäre es, sagt Boecker, wenn nicht in erster Linie überregionales und internationales Publikum käme, sondern mehr Menschen angezogen würden, die in Bonn lebten.

Die Bonner mit ihrem Beethoven vertrauter machen will auch der Verein "Bürger für Beethoven", allerdings mit einer niederschwelligeren Strategie als die Jubiläumsgesellschaft oder das Beethovenfest: Sie organisieren Rundgänge zu Beethoven-Orten, Gesprächskonzerte und Vorträge, einen Beethoven-Kalender und eine europaweite Beethoven-Briefmarke. Die Idee zur Aktion "Unser Beethoven" mit mittlerweile etwa 3300 verkauften lächelnden Beethoven-Statuen stammte ebenfalls vom Verein. Ja, die 1740 Mitglieder seien interessiert und informiert, sagt der Vorsitzende Stephan Eisel, doch an einem großen Teil der Bonner seien die Feierlichkeiten und Vorbereitungen bisher schlicht vorbeigegangen.

Nike Wagner, die Intendantin des Beethovenfestes, machte in den vergangenen Jahren ganz eigene Erfahrungen auf diesem Gebiet. "Geschichtlich gesehen musste man die Bonner erst zu Beethoven bitten", sagte sie. "Das erscheint komisch, denn Beethoven gehörte längst der ganzen Welt. Aber Bonn war eben eine politisch geprägte Stadt, und dem Beethoven-Defizit begegneten dann erst die 1991 neu begründeten Beethovenfeste."