Spätestens seit der australische Reiseführerverlag, der sich Lonely Planet nennt und mit dafür sorgt, dass es auf diesem Planeten immer weniger einsame Orte gibt, Bonn zu einer der weltweiten "Top 10 Städte" des Jahres 2020 kürte, ist zu ahnen, dass die von der Beethoven Jubiläums GmbH erfundene Dachmarke "BTHVN2020" ein Erfolg werden dürfte. Ludwig van macht das Vierteljahrtausend voll, und alle Menschen werden Ludwig-Fans. Freude, schöner Götterfunken. Da-da-da daaaa. Jubeln, Dudeln, Runternudeln.

Eigentlich könnte man die Angelegenheit damit auf sich beruhen lassen. Eine strauchelnde, an sich selbst zweifelnde Gesellschaft zieht an der Eventorgel reflexhaft noch einmal alle Register, um sich eines ihrer prestigeträchtigsten Markenartikel zu versichern. Und wer, wenn nicht Beethoven, der erste musikalische Superstar, würde sich besser eignen, um jede nur erdenkliche Art von Jubiläumspomp zu veranstalten? Aber es wäre ein Jammer, wenn dies alles gewesen sein sollte, was uns das "Beethovenjahr" bringt. Denn wer, wenn nicht Beethoven, der hochfahrende Geist, der "dem Schicksal in den Rachen greifen" wollte und lernen musste zu erdulden, dass das Schicksal ihm nach dem Gehör griff, würde sich besser eignen, um die Paradoxien zu erkunden, in die sich der Mensch hineinmanövriert, sobald er es mit den Prinzipien der Moderne ernst meint? Sobald er von "Gottes Hand" nichts mehr wissen will und nur mehr der eigenen Kraft, dem Verstand, der Technik vertraut?

Beethovens Werk wie Person sind Monumente der Ambiguität, ja der Widersprüchlichkeit. In beidem verdichtet sich der Epochenbruch, den die westliche Menschheit im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert vollzogen hat.

Obwohl ein Kind des höfisch-feudalen Zeitalters, in dem ein Komponist kaum mehr war als eine Mischung aus Untermalungskünstler, Zeremonienveredler und Gottesdienstbegleiter, gelang es Beethoven, sich als "Tondichter" zu etablieren, der am Schluss nicht nur den Rang eines Fürsten, sondern den eines Königs beanspruchen durfte. Musste der junge Musiker in den Bonner Jahren seinen kurfürstlich-erzbischöflichen Herren in Theater, Kammer, Kirche noch artig zu Diensten sein, so dauerte es in Wien nicht lange, bis der vermeintliche Diener seinen neuen Herren klarmachte, wer das Sagen hatte. Anekdoten berichten, wie der bereits zum Genie geadelte Beethoven die adlige Gesellschaft abblitzen ließ, indem er sich weigerte, auf feudalen Wunsch ans Klavier zu gehen und etwas zum Besten zu geben, oder indem er bei unaufmerksamer Zuhörerschaft die Darbietung abbrach, angeblich mit dem Kommentar: "Für solche Schweine spiele ich nicht."

Unvorstellbar, dass sich Haydn, trotz seines immensen Ruhms, derlei Frei- beziehungsweise Frechheiten herausgenommen hätte. Selbst Mozart hätte die unaufmerksamen blaublütigen "Schweine" wohl allenfalls damit zu brüskieren gewagt, dass er ein schweinisches Liedchen angestimmt hätte.

Obwohl Beethoven ein glühender Verehrer der Ideale der Französischen Revolution war und bis heute, selbst in Frankreich, als der Komponist von "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" gilt, wäre er nie auf die Idee gekommen, zum Aufstand gegen das feudale System – von dem er meisterlich zu profitieren wusste – zu trommeln. Vielleicht hatte Kurt Tucholsky auch ihn im Sinn, als er feststellte: "Wegen ungünstiger Witterung fand die deutsche Revolution in der Musik statt."

In Leipzig und London gab es um 1800 herum bereits ein reges Konzertleben. Dennoch ist es nicht übertrieben, Beethoven als den eigentlichen Vater des Konzerts zu betrachten. Wir haben uns angewöhnt, diese Institution für eine selbstverständliche Einrichtung (bildungs-)bürgerlicher Gesellschaften zu halten – dabei stellte sie aus Sicht des frühen 19. Jahrhunderts in der Tat etwas revolutionär Neues dar. Bis dahin erlebte man Musik beim Tanz, bei militärischen Aufmärschen, in der Kirche, im Theater, im bürgerlichen Salon oder im Schlosssaal. Nie war sie reiner Selbstzweck, sondern beförderte die Geselligkeit, untermalte dramatisches Geschehen auf der Bühne, sollte den Glauben beziehungsweise den Kampfgeist befeuern.

Und plötzlich galt es, in einen (ungeheizten) Saal zu gehen, dort stundenlang ruhig zu sitzen, sich weder mit seinen Nachbarn zu unterhalten noch Speis und Trank zu sich zu nehmen, kurz: nichts zu tun, außer andächtig zu lauschen.