Die beiden Herren, die sich am Tag nach seinem Tod über Beethovens Leichnam beugten und ihm den Schädel aufsägten, schienen von ihrer Aufgabe ein wenig überfordert. Ihre Obduktion sollte klären: Wie und warum hatte Beethoven sein Gehör verloren? Aber wie genau das Gehör eigentlich funktioniert, war erst in Ansätzen erforscht; genau 24 Jahre würde es noch dauern, bis einem Forscher die winzigen Haarzellen im Innenohr überhaupt auffielen, von ihrer elementaren Rolle für die Umwandlung von schwankendem Luftdruck in Worte und Musik gar nicht zu reden. Und da die Wiener Pathologen Johann Wagner und Karl von Rokitansky nicht wissen konnten, wonach sie suchen sollten, hielten sie sich an das Augenfällige. "Der Ohrknorpel zeigte sich groß und regelmäßig geformt", diktierten sie ins Sektionsprotokoll. Die Ohrmuscheln: "sehr geräumig und um die Hälfte tiefer als gewöhnlich, die verschiedenen Ecken und Windungen waren bedeutend erhaben". Der Hörnerv dagegen: "zusammengeschrumpft und marklos". Genauer ging es nicht. Beethovens Gehörgang sägten sie aus und nahmen ihn mit, einige Zeit später verschwand er vom Pult eines Mitarbeiters, die Frage nach den Gründen für Beethovens Taubheit würde auf ewig ohne seriöse Antwort bleiben müssen.

Über den Befund selbst gibt es weitaus weniger Zweifel, als wesentliche Quelle gilt ein Brief, den Beethoven mit 31 Jahren an einen Freund schrieb. "Nur meine Ohren, die sausen und brausen Tag und Nacht fort", schrieb der Komponist. "Die hohen Töne von Instrumenten und Singstimme höre ich nicht, wenn ich etwas weit weg bin, auch die Bläser im Orchester nicht. Manchmal auch hör ich den Redner, der leise spricht, wohl, aber die Worte nicht, und doch, sobald jemand schreit, ist es mir unausstehlich." Für Spezialisten ein klarer Fall: Schwerhörigkeit, Tinnitus, Hochton- und Sprachverständlichkeitsverlust und eine Hyperakusis, eine Überempfindlichkeit für bestimmte Frequenzen, ausgelöst von einer Lähmung der Gehörknöchelchen.

Der Großteil der Werke, für die Beethoven berühmt ist, entsteht in den Jahren zunehmender Taubheit – darunter acht der neun Sinfonien, Fidelio und die Musik zu Goethes Egmont, fast alle Streichquartette sowie die großen Klaviersonaten. Obwohl er nichts hörte. Oder gerade weil er nichts hörte?

Sowenig die Wissenschaft zu Beethovens Zeiten in diesen Fragen wusste, umso mehr weiß man heute – auch dank Eckart Altenmüller. Der Direktor des Instituts für Musikphysiologie und Musikermedizin (IMMM) der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover studierte erst Medizin, dann Querflöte und schließlich Neurologie und ist einer der führenden Forscher auf dem Gebiet der Neurophysiologie und Neuropsychologie von Musikern. Altenmüllers Forschung macht deutlich, dass es nicht die Hände, die Ohren oder die Seele sind, die einen Menschen zum Musiker machen, sondern sein Gehirn. Weil außerhalb des Schädels Musik nichts anderes ist als Muskelbewegungen und schwankender Luftdruck. Nachfragen also, aus aktuellem Anlass, in Hannover.

"Hört man Beethovens Werken an, dass ihr Schöpfer zunehmend ertaubt war?" – "Ja und nein", sagt Altenmüller. – "Hat die Taubheit Beethoven beim Komponieren beeinflusst?" – "Eindeutig ja." – "War er dadurch eingeschränkt?" – "Nein, sogar im Gegenteil. Ich habe die Theorie, dass die visionäre Unabhängigkeit seiner Musik nur so entstehen konnte – diese Kantigkeit, das Nichtgefällige, die Autonomie. Beethoven musste sich nicht mehr in erster Linie darum kümmern, dass seine Musik dem Hörer genehm ist. Er konnte sich innerlich von der Gesellschaft entkoppeln – und er musste sich den Mist seiner Kollegen nicht anhören."

Beethoven, sagt Altenmüller, habe es leichter gehabt, eine eigene Handschrift zu entwickeln und seinen eigenen Sound zu finden. Der Preis sei allerdings hoch und die persönliche Tragik enorm gewesen. "Aber was er dafür gewonnen hat, sind seine Unabhängigkeit in der Kompositionsweise und die konzeptuelle Klarheit."

Wäre er von Geburt an taub gewesen, wäre ihm die Karriere als Musiker verschlossen geblieben, sagt Altenmüller. So aber kannte er die Klänge und ihr Potenzial – und musste sie nur noch anordnen. "Die mentalen Repräsentationen der Klangmöglichkeiten waren alle angelegt. Der kreative Akt betrifft ja nur die Art und Weise, wie sich die Klangmöglichkeiten kombinieren und entwickeln lassen – und das konnte er in völliger Stille." Er habe gewusst, wie es klingt, auch wenn er es nicht habe hören können – und so habe er sich als Pianist ein hochgradiges Qualitätsbewusstsein antrainieren können. "Die Freiheit, dies überhaupt zu Papier zu bringen und zu veröffentlichen, die kam erst, als er sich innerlich von der Gesellschaft und ihren Erwartungen lösen konnte."

Angehende Musiker werden schon dadurch besser, dass sie anderen hochtalentierten Musikern zuhören, das zeigen Altenmüllers Studien – weil sich das Gehör verfeinert und sich das Klangvorstellungsspektrum im Schläfenlappen anreichert. Beethoven dagegen wäre nivelliert und auf ein niedrigeres Niveau zurückgezogen worden, hätte er sich mit den Werken seiner Kollegen beschäftigt.