Zwei Bedingungen stellt Margarete Schütte-Lihotzky, bevor sie sich auf den Weg nach Moskau macht. Es ist Frühsommer 1930, die Wiener Architektin arbeitet seit drei Jahren im legendären Großstadtprojekt Neues Frankfurt und wird ersucht, als Teil einer Architektengruppe in die Sowjetunion zu ziehen, um neue Städte für Arbeiter der Schwerindustrie zu planen. "Lieber heute als morgen", antwortet Schütte-Lihotzky – vorausgesetzt, ihr Mann könne mitarbeiten. Und vorausgesetzt, "dass ich keine Küchen mehr machen muss, denn diese hängen mir schon zum Halse heraus".

Margarete Schütte-Lihotzky ist erst 33 Jahre alt, aber bereits damals klebt der Stempel der Küchenarchitektin an ihr, den sie nie mehr loswerden wird. Mit der sogenannten Frankfurter Küche hat sie den Archetypus einer preiswerten, funktionalen Einbauküche entworfen, die zum Massenprodukt wird.

Der Erfolg der Küche überstrahlt alles, was die vor 20 Jahren verstorbene Architektin in ihren fast 103 Lebensjahren geschaffen hat. Schütte-Lihotzky, bis zu ihrem Tod überzeugte Kommunistin, im Zweiten Weltkrieg als Widerstandskämpferin aktiv und als politische Gefangene Überlebende des NS-Regimes, betrieb Architektur als soziale Aufgabe. Die erste Frau, die in Österreich das Fach studierte, hat von Wien über Frankfurt, Moskau, Istanbul, China, Japan bis Kuba das öffentliche Bauwesen des 20. Jahrhunderts geprägt.

Nach Kriegsende aber geriet sie in ihrem Heimatland ins Abseits. Erst mit rund 80 Jahren fand Schütte-Lihotzky zurück in die öffentliche Wahrnehmung, eines aber änderte sich nicht: Im Fokus stand ihre Küche. "Hätte sie nicht, bei guter Gesundheit und hellwachem Verstand, ein so hohes Alter erreicht, wäre sie vermutlich nicht in den Genuss einer verspäteten Wertschätzung gekommen", schreibt die Kunsthistorikerin Mona Horncastle in Margarete Schütte-Lihotzky: Architektin – Widerstandskämpferin – Aktivistin. Die im Molden-Verlag erschienene Biografie ist der inhaltlich wie gestalterisch frische Versuch einer neuen Annäherung an die politische Jahrhundertarchitektin. Rund um den 20. Todestag am 18. Jänner widmen sich ihr eine Reihe von Veranstaltungen und zwei weitere Neuerscheinungen: der Band Margarete Schütte-Lihotzky: Architektur – Politik – Geschlecht. Neue Perspektiven auf Leben und Werk (Edition Angewandte) sowie eine neu edierte Ausgabe von Warum ich Architektin wurde (Residenz Verlag), Schütte-Lihotzkys autobiografischen Erinnerungen aus den Jahren 1915 bis 1930.

Die Weise, in der Schütte-Lihotzky von sich erzählt, sagt vieles aus über ihre Persönlichkeit. Von Pathos oder selbstbeweihräuchernden Erinnerungen fehlt jede Spur, was zählt, ist die Sache. "Die Architektur ist durch konkrete Aufgabenstellungen immer an einen Zweck gebunden, das Schöne ist gleichzeitig und direkt stets Dienstleistung am Menschen", schreibt sie. "Alle gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zustände finden in der Architektur ihren Niederschlag."

Von den Lebensbedingungen der Arbeiterklasse zu Beginn des 20. Jahrhunderts bekommt die 1879 als Margarete Lihotzky geborene Tochter eines gutbürgerlichen Haushalts zwar lange Zeit wenig mit. Doch die im Beamtentum verwurzelte Familie ist liberal, der Vater geht auf Veranstaltungen der Arbeiterschaft, die Mutter engagiert sich sozial und ist überzeugte Pazifistin.

"Kein Mensch wird sich von einer Frau ein Haus bauen lassen"

Als die Tochter beschließt, Architektur zu studieren, sorgt man sich dennoch: "Jeder hat es mir ausreden wollen", schreibt Schütte-Lihotzky. "Nicht weil sie so reaktionär waren, sondern weil sie geglaubt haben, ich werde dabei verhungern, kein Mensch wird sich von einer Frau ein Haus bauen lassen."

Ausreden lässt sie sich nichts – und die Eltern versuchen, bei der Aufnahmeprüfung für die k. u. k. Kunstgewerbeschule nachzuhelfen. Gustav Klimt, den man über eine Ecke kennt, wird um ein Empfehlungsschreiben gebeten. Das Schreiben langt erst bei der Familie Lihotzky ein, als die Prüfung bereits im Gang ist. Klimts Billett, gerichtet an den Direktor der heutigen Universität für angewandte Kunst, hätte aber kaum geholfen: "Lieber Roller, zu meinem Leidwesen bin ich gezwungen, die Überbringerin dieses Schreibens Dir zu empfehlen. Bitte handle ganz nach Deinem Gutdünken. Dein Gustav Klimt".

Dennoch schafft es Lihotzky in die Vorbereitungsklasse. Oskar Strnad, der die Klasse leitet, wird zum Glücksfall: Bei ihm wird der Studentin die politische Dimension allen Bauens bewusst, von ihm wird sie, die sich nicht der für Frauen üblichen Spezialisierung auf Mode oder Keramik fügen will, schließlich unterstützt.