Eine hübsche Pointe ist das: Ausgerechnet der österreichische Jungkonservative Sebastian Kurz schafft, was in Deutschland partout nicht gelingen will – eine schwarz-grüne Koalition. Wenn die zuständigen Parteigremien dem Bündnis an diesem Wochenende zustimmen, wird Kurz, mittlerweile ist er 33, in den nächsten Tagen zum zweiten Mal als Kanzler vereidigt werden. Die Grünen werden in Österreich zum ersten Mal regieren. Und im übrigen Europa, zumal in Berlin, werden sich viele verwundert die Augen reiben.

Vor zwei Jahren war Kurz mithilfe der extrem rechten FPÖ an die Macht gekommen; nun kehrt er mithilfe der eher linken Grünen an die Macht zurück. So viel Biegsamkeit ist selten. Aber darf man den alten und voraussichtlich neuen Kanzler dafür verachten? Oder kann man, umgekehrt, sogar von der Geschmeidigkeit lernen, mit der er sich unter den jeweils neuen Umständen bewegt?

Ähnlich wie in Deutschland ruhte die Politik in Österreich lange Zeit auf zwei stabilen Säulen. Sozial- und Christdemokraten – hier SPÖ und ÖVP – verkörperten einen gesellschaftlichen Konsens, der nun infrage steht. Die Mitte schrumpft, die Säulen bröckeln, die Verhältnisse sind unübersichtlich geworden – das Bild kennt man aus vielen europäischen Ländern. Dabei war Österreich schon einmal politische Avantgarde: Der Aufstieg der FPÖ begann vor mehr als dreißig Jahren, seitdem lebt die Republik mit einer starken rechtspopulistischen Partei.

Österreich - Sebastian Kurz bildet schwarz-grüne Regierung In Österreich soll künftig eine Koalition aus ÖVP und Grünen regieren. Es sei gelungen, „das Beste aus beiden Welten zu vereinen”, sagte ÖVP-Chef Sebastian Kurz. © Foto: Herbert Neubauer/APA/dpa

Die Koalition kommt nicht umhin, den Riss zwischen den Generationen zu kitten

Kurz hat aus der Erosion der tradierten Verhältnisse radikale Schlüsse gezogen. Zunächst hat er den alten Konsens aufgekündigt und die bis 2017 regierende große Koalition beendet. Anschließend hat er einen umfassenden Neuanfang inszeniert, die marode gewordene Volkspartei umgeformt und neu angestrichen. Österreichs Konservative tragen jetzt Türkis statt Schwarz (weshalb Schwarz-Grün in Wien als Türkis-Grün auftritt). Schließlich hatte Kurz mit der FPÖ koaliert – ein kühl kalkulierter Tabubruch. Dabei verfolgte er primär kein inhaltlich begründetes Projekt; die Rechtspopulisten waren für Kurz vielmehr ein Mittel zur Macht. Es fiel ihm daher leicht, die Zusammenarbeit nach der Veröffentlichung des sogenannten Ibiza-Videos zu beenden. Sein Koalitionspartner hatte sich in einem vermeintlich unbeobachteten Moment als potenziell korrupt erwiesen.

Auch die neue Koalition mit den Grünen folgt keiner Idee, sondern ist das Ergebnis einer einfachen Rechnung. Die FPÖ hat sich unmöglich gemacht, die Sozialdemokraten befinden sich im freien Fall – also bleiben die Grünen als Partner. Trotzdem ist das Bündnis der beiden ungleichen Parteien mehr als eine Laune des Zufalls. Kurz ist 2017 Kanzler geworden, weil er versprochen hatte, die Migration zu kontrollieren; die Grünen haben ihr Ergebnis bei der jüngsten Parlamentswahl fast verdreifacht, weil sie eine entschiedene Umwelt- und Klimapolitik in Aussicht stellten. Schwarz-Grün in Wien – oder halt Türkis-Grün – vereint somit folgerichtig die beiden wichtigsten Anliegen dieser Jahre: den Wunsch nach Sicherheit und den immer lauter werdenden Ruf nach ökologischer Erneuerung.

Dabei repräsentieren die Volkspartei und die Grünen ganz unterschiedliche Bevölkerungsgruppen. Kurz hat besonders viele Anhänger unter den Älteren: 45 Prozent der Rentnerinnen und Rentner haben ihn gewählt. Auch in den ländlichen Regionen ist die Volkspartei stark. Die Grünen dagegen vertreten überdurchschnittlich viele Jüngere, Frauen und Akademiker, ihre Klientel ist eher in der Stadt als auf dem Land zu Hause. Das Wahlverhalten spiegelt das Auseinanderdriften innerhalb der Gesellschaft: den Riss zwischen den Generationen und Milieus, der viele westliche Gesellschaften bedroht.

Aus dieser Spannung bezieht die künftige Regierung in Wien ihren Auftrag. Hierin liegt die eigentliche Begründung für Schwarz-Grün, jenseits der Machtarithmetik: Kurz und sein designierter grüner Vizekanzler Werner Kogler müssen die verschiedenen Milieus und ihre Anliegen zusammenführen. Alt und Jung, Stadt und Land, Sicherheit und Ökologie. Wenn ihnen das gelingt, könnte Schwarz-Grün in Wien durchaus ein Modell werden – ein Bündnis, das Gegensätze vereint und eine neue Mitte schafft. Die Extremisten blieben dann dort, wo sie hingehören und wo sie kaum Schaden anrichten können: am Rande.