Ein wichtiges Thema war sexuelle Orientierung im laufenden Präsidentschaftswahlkampf bislang nicht (was sich ändern dürfte, sobald Buttigieg gegen Präsident Donald Trump anträte).

Wichtig ist für Amerikas Demokraten eher, dass South Bend in einem dieser industriegeprägten Bundesstaaten liegt, in denen die Wahl von 2016 gegen Donald Trump verloren ging; Indiana ist die Heimat von Vizepräsident Mike Pence.

"Major Pete", wie Buttigieg hier heißt, gewann zwei Wahlen, weiß also, wie das im rauen Landesinnern geht, das ist seine Erzählung. Steuererleichterungen lockten neue Betriebe in die Stadt, die Arbeitslosenquote sank von zehn auf drei Prozent. Buttigieg ließ die Gehsteige verbreitern und Tempolimits verschärfen, das Image des Modernisierers blieb haften.

Wichtig ist für Amerikas Demokraten allerdings auch, dass in South Bend im Juni 2019 der 54-jährige Schwarze Eric J. Logan von einem weißen Polizisten erschossen wurde. Es gab Demonstrationen, die "Black Lives Matter"-Bewegung erreichte die Stadt. Buttigieg hörte still, demütig, zu, aber der schwarze Bürgerrechtler Oliver Davis, Stadtrat in South Bend, gab seine Wahlempfehlung doch Joe Biden, der an Barack Obamas Seite Vizepräsident war, und nicht dem eigenen Bürgermeister.

Und dies ist für Amerikas Demokraten eine existenzielle Frage: Welche ihrer Kandidatinnen und Kandidaten könnten das sogenannte black vote ergattern, so wie einst Bill Clinton, so wie vor elf Jahren Obama? In südlichen Bundesstaaten wie South Carolina wählen die Weißen traditionell republikanisch, aber 30 Prozent der Bevölkerung sind schwarz – ohne deren Rückhalt kann kein Demokrat Präsident werden. Wer traut die Mobilisierung diesem Pete Buttigieg zu, der in Harvard studiert hat, der ein Oxford-Stipendiat der elitären Rhodes-Stiftung und danach zwar immerhin beim Militär und in Afghanistan war, aber dann bei McKinsey?

Buttigieg fährt Anfang Dezember mit seinem blau-gelben Bus durch die Südstaaten. Lernen wolle er hier, sagt er. Er erzählt nicht viel, doziert nicht, überall, wo er anhält, erfragt er Lebensgeschichten. Der Kandidat verglich vor einigen Wochen die eigenen Demütigungen mit denen der Schwarzen: Auch er habe Erfahrung mit Ausgrenzung. Ein Anfängerfehler: einmal, nie wieder. "Ich weiß, dass ich manche Verbindungen erst aufbauen muss", sagt er heute. Klein sind die Zuhörergruppen in Birmingham, Alabama; es hat etwas von einer Therapiegruppe, denn besonders viele Leute sind nicht gekommen: ein Stuhlkreis.

Doch der Kandidat kann das. Er fängt sein Publikum überall ein, da er begnadet reden kann, rhetorisch einwandfrei, das sowieso, denn mit sanftem Bariton und vergnügtem Lächeln verknüpft er kurze mit langen Sätzen und bringt auch die langen lässig zu Ende. Aber er kann auch leidenschaftlich erzählen und gleich danach ironisch spötteln, und das alles klingt dann wie ein guter Song. Doch da ist noch mehr.

Buttigieg tritt stets mit hochgerollten Hemdsärmeln und ohne Sakko auf, die kurzen Haare von links nach rechts geföhnt. Mit durchgedrückten Knien steht er dort vorn und denkt nach, ehe er etwas sagt, scheint weiterzudenken, während er redet, und man kann ihm bei seinem Denken buchstäblich zuhören, da es seine Sätze frisch hält, mutig auch, da sie meist echte Antworten auf die gestellten Fragen formulieren.

Wer ihm, im November, durch New Hampshire folgt, hört manche Sätze mehrfach: "Der erste Morgen nach Donald Trump wird kommen, und über welchem Amerika wird die Sonne dann aufgehen?" Seine Refrains sitzen.

Das Land, das Buttigieg dann entwirft, ist ein anderes als das existierende. In Bildung und Infrastruktur wird investiert. Klimapolitik steht im Zentrum. Eine staatliche Krankenversicherung gibt es zwar, aber die private wird nicht zwangsabgeschafft, es gibt nicht "Medicare for All" wie bei Warren und Sanders, sondern "Medicare for all who want it", für alle, die es wünschen. Internationale Bündnisse sind den USA wieder wichtig.

Und die Versöhnung mit sich selbst. An jenem ersten Morgen, an dem Donald Trump nicht mehr Präsident ist, sind die USA eine verwundete Weltmacht, und mit Buttigieg beginnt die Heilung.

Der junge Buttigieg und der alte Biden sind die Moderaten im Feld, nicht so umstürzlerisch wie Bernie Sanders oder Elizabeth Warren, die von tiefen Reformen, Umverteilung und Sozialismus reden. Dies ist mittlerweile das Quartett der Favoriten, der Milliardär und Späteinsteiger Michael Bloomberg und die schlau kämpfende Senatorin Amy Klobuchar haben Außenseiterchancen.