Unter dem wohlwollenden Auge des Gesetzes: Öffentliche Vernichtung alkoholischer Getränke 1926 in New York © ullstein bild/​Getty Images

Am 17. Januar 1920 brach in Amerika das Reich Gottes an. "Die Herrschaft der Tränen ist vorbei", verkündete der populäre evangelikale Prediger Billy Sunday vor 10.000 verzückten Gläubigen. "Die Slums werden bald Erinnerung sein. Aus unseren Gefängnissen machen wir Fabriken. Die Männer gehen wieder aufrecht, die Frauen lächeln, die Kinder jauchzen. Die Hölle wird für immer leer stehen." Wenige Stunden zuvor war der 18. Verfassungszusatz in Kraft getreten, der Herstellung, Verkauf, Transport, Einfuhr und Ausfuhr "berauschender Flüssigkeiten" verbot. Bereits im Oktober 1919 hatte der US-Kongress in einem Durchführungsgesetz, dem sogenannten Volstead Act, bestimmt, dass alle Getränke mit mehr als 0,5 Prozent Alkohol unter die Prohibition fielen. Nicht nur Hochprozentiges, auch Wein und Bier waren nun illegal.

Längst nicht alle Amerikaner waren darüber so glücklich wie Billy Sunday und seine Gemeinde. Vielerorts hatten Zecher noch einmal Gelage veranstaltet und ihre Vorräte aufgestockt, denn vor dem Stichtag erworbener Alkohol durfte weiterhin konsumiert werden. Auch ließ der Volstead Act einige wenige Ausnahmen zu: Wein konnte zu liturgischen Zwecken erworben werden, und Ärzten war es gestattet, ihren Patienten aus medizinischen Gründen Whiskey zu verordnen. Ansonsten jedoch sollten die Amerikaner gründlich trockengelegt werden. Es begann ein beispielloses Experiment. Ein Land mit mehr als 100 Millionen Einwohnern höchst unterschiedlicher Herkunft und Kultur schickte sich an, seinen Bürgerinnen und Bürgern Abstinenz und Tugend zu verordnen.

Für die Befürworter der Prohibition bedeutete das Inkrafttreten des 18. Verfassungszusatzes das siegreiche Ende eines langen Kampfes gegen den Alkoholteufel, der Moral und Familie ruiniere: Anstatt für Weib und Kind zu sorgen, so die Klage, vertränken die Männer ihren Lohn in anrüchigen Saloons. Das war mehr als ein puritanisches Vorurteil. Tatsächlich flossen im Amerika des frühen 19. Jahrhunderts Most, Wein und Whiskey in Strömen. Historiker schätzen den Verbrauch jedes Erwachsenen auf fast 30 Liter reinen Alkohol pro Jahr – umgerechnet rund 90 Flaschen Schnaps! Bereits 1826 gründeten protestantische Reformer daher die American Temperance Society, die sich rasch über das ganze Land ausbreitete und Mäßigung predigte. Die Bewegung setzte zunächst auf die freiwillige Bekehrung, doch bald forderte man gesetzlichen Zwang. Maine verbot 1851 als erster Staat Herstellung und Verkauf aller alkoholischen Getränke; andere Bundesstaaten folgten, allerdings mit mäßigem Erfolg.

Als Mitte des 19. Jahrhunderts Millionen katholischer und meist trinkfreudiger Iren und Deutsche in die USA einwanderten, eskalierte der Kampf gegen den Alkohol zum Kulturkrieg. Protestantische Frauen standen an vorderster Front: Die 1873 gegründete Woman’s Christian Temperance Union wuchs zur größten Frauenorganisation der USA heran. Neben dem Alkoholverbot forderte sie auch das Frauenwahlrecht. Mit dem Wahlzettel bewehrt, argumentierten viele Frauenrechtlerinnen, könnten die Amerikanerinnen die Nation von Laster und Korruption befreien, und so marschierten die Bewegungen für Prohibition und Frauenwahlrecht im Gleichschritt. Fast alle Bundesstaaten, die Frauen zur Wahl zuließen, verboten kurz darauf den Alkohol. Nahezu zeitgleich mit der nationalen Prohibition wurde 1920 mit dem 19. Verfassungszusatz auch das landesweite Frauenwahlrecht eingeführt.

Gleichwohl wäre es der Prohibitionsbewegung ohne Amerikas Eintritt in den Ersten Weltkrieg im April 1917 wohl nie gelungen, die hohen Hürden einer Verfassungsänderung zu nehmen, die eine Zweidrittelmehrheit im Kongress und die anschließende Ratifizierung durch drei Viertel aller Bundesstaaten erfordert. Im Krieg, lautete die patriotische Parole, dürfe Getreide nicht für Schnaps und Bier verschwendet werden. Vor allem aber stellte die antideutsche Kriegshysterie die von Deutschamerikanern dominierte Brauereilobby kalt, die bisher der mächtigste Gegner der Prohibition gewesen war. Im Dezember 1917 verabschiedete der Kongress den 18. Verfassungszusatz, und bereits im Januar 1919 war die Ratifizierung abgeschlossen. Wo Bundesstaaten und Landkreise den Verkauf und Ausschank von Alkohol nicht bereits verboten hatten, blieb den Trinkern noch ein Jahr Schonfrist bis zum last call.

Trotz der raschen Änderung der Verfassung kann von einem nationalen Konsens keine Rede sein. Stattdessen begann im Januar 1920 ein zähes Ringen zwischen den "Trockenen", den drys, und den "Feuchten", den wets. Es ging um Amerikas nationale Identität. Mit der Prohibition versuchte das traditionalistische Lager, angesichts der rapiden Veränderung der Gesellschaft durch Masseneinwanderung, Urbanisierung und Säkularisierung, die Vorherrschaft der protestantischen, angelsächsischen Kultur zu zementieren. In den Augen des ländlich-kleinstädtischen Amerikas waren die Einwandererviertel und schwarzen Ghettos der Großstädte Brutstätten des Lasters, des Verbrechens und des "unamerikanischen" Radikalismus. Doch auch viele progressive Reformer befürworteten die Prohibition, weil sie soziale Disziplinierung für unabdingbar hielten, um aus Iren, Slawen, Juden und Italienern gute US-Bürgerinnen und -Bürger zu machen. Der Kongress erließ 1921 und 1924 neue Einwanderungsgesetze, die den Zuzug von Immigranten aus Süd- und Osteuropa drastisch beschränkten. Amerika sollte amerikanisch bleiben, wie US-Präsident Calvin Coolidge 1923 forderte – und nüchtern!