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Beim Skisprungtraining bin ich der einzige Erwachsene. Die meisten Aktiven hören mit Anfang 20 auf – ich allerdings habe erst mit Mitte 30 angefangen. Ein- bis zweimal im Monat fahre ich auf den Ruhestein im Schwarzwald, wo der SV Baiersbronn mehrere Schanzen betreibt.

Meine Standardschanze hat eine Sprungweite von 28 Metern. Oben auf dem Sitzbalken fühlt es sich so an, als würde ich vom Dach eines Mehrfamilienhauses auf die Straße schauen. Angst vor dem Absprung vom Schanzentisch hatte ich aber nie: Ski fahren kann ich, seit ich fünf bin, und Sprünge über Unebenheiten gehören dazu.

Wenn ich mich vom Balken abstoße, winkele ich die Knie an, lege die Arme flach an den Oberkörper an und beuge mich so weit vor, dass ich fast auf den Oberschenkeln liege. Das ist nicht so einfach, wenn man schon etwas älter und nicht mehr so beweglich ist.

Alles, was ich bei der Anfahrt denke, ist: Warte, warte, warte, spring nicht zu früh ab. Mein Gesicht ist nach unten gerichtet, und ich sehe den Schanzentisch erst, wenn er nur noch wenige Meter entfernt ist.

Dann springe ich impulsartig ab: Ich strecke Oberkörper und Beine und ziehe die Zehenspitzen hoch – eigentlich eine unnatürliche Bewegung, aber so richten sich die Skier auf, die Luft drückt von unten dagegen. Ich spüre das Adrenalin in meinem Körper, der sich nach vorn biegt wie eine Banane.

Bei der Landung schnalzen die Skier mit einem ordentlichen Knall auf den Schnee. Ich muss mich mit den Knien abfangen und mit den Armen ausbalancieren – das macht der Körper von allein. Je weiter ich hinter dem "K-Punkt" lande, ab dem das Gelände flacher wird, desto härter komme ich auf.

Einmal habe ich beim Absprung ein Bein leicht angezogen und mich bei der Landung gedreht. Ich stürzte, brach mir mehrere Rippen, rutschte den Hang hinunter und kriegte kaum Luft. Im Krankenhaus dachte ich: Wenn ich jetzt Angst bekomme, höre ich auf. Vier Monate später saß ich wieder auf dem Balken.

Schon als Kind wäre ich gern Skispringer geworden. Aber im Bergischen Land, wo ich aufgewachsen bin, schneite es bereits damals nur selten, und es gab keine Sprungschanzen. Erst lange nach Ende meines Studiums fiel mir meine kindliche Begeisterung wieder ein. Ich erinnere mich noch daran, wie ich nach dem ersten Probetraining dachte: Du lebst jetzt für eine Saison deinen Jugendtraum aus, dann ist gut. Aber nun springe ich schon seit über zehn Jahren – im Winter lande ich auf Schnee, im Sommer auf nassen Kunststoffmatten.

Mein Vorbild ist der Japaner Noriaki Kasai – der ist ein Jahr älter als ich und springt immer noch im Weltcup mit.