Erst wird nur geflüstert im österreichischen Kurort Maria Blut: Dieser oder jener habe eine Mutter, die eine halbe Jüdin sei. Dann wird der anschwellende Bocksgesang lauter: Junge Männer marodieren durch die Straßen und skandieren: "Heil! Heil!". Wunderheiler und bizarre Propheten tauchen auf und künden vom bevorstehenden Weltuntergang, depravierte Adelige beklagen die "Saurepublik", und schließlich brennt die örtliche Konservenfabrik.

Wie schleichendes Gift nistet sich die Nazi-Ideologie in einem österreichischen Provinznest ein, und am Ende ist nichts mehr, wie es war. Der prophetische Roman Die Eingeborenen von Maria Blut der österreichischen Autorin Maria Lazar, 1935 in Dänemark fertiggestellt und hauptsächlich aus Dialogen montiert, ist ein kleines literarisches Wunderwerk – und existierte bis vor Kurzem am Buchmarkt nicht. Zu Lebzeiten der Schriftstellerin erschienen in der Moskauer Exilzeitschrift Das Wort lediglich Auszüge aus dem Buch.

Vor vier Jahren ist der Roman nun endlich vollständig veröffentlicht worden – in dem kleinen Wiener Verlag Das vergessene Buch, kurz DVB, der von dem Germanisten Albert Eibl als One-Man-Show betrieben wird. Während seines Studiums an der Wiener Universität, erzählt er, habe sein Professor einmal den Namen Maria Lazar erwähnt, die eine bedeutende literarische Stimme im Widerstand gegen das Nazi-Regime gewesen sei: "Ich habe dann im Internet recherchiert und absolut nichts gefunden. Diese Autorin war aus dem kollektiven Bewusstsein vollkommen gelöscht worden." Das wollte Eibl ändern und gründete deshalb ohne professionelle Vorkenntnisse mit einem Startkapital von 20.000 Euro, zum Teil geliehen, zum Teil erspart, im Jahr 2014 seinen Verlag: "Ich hatte Glück, dass gleich meine erste Veröffentlichung Die Vergiftung, ein Roman, den Maria Lazar mit 20 Jahren geschrieben hat, äußerst euphorisch rezensiert wurde und sich auch recht ansprechend verkaufte. So konnte ich weitermachen." Das Feld, das der Selfmade-Verleger bewirtschaften wollte, war klar definiert. Es ging und geht um die Wiederentdeckung von Schriftstellerinnen, die vor allem in der Zwischenkriegszeit aktiv waren und dann, wie Eibl sagt, zu Unrecht in Vergessenheit gerieten.

Deren Werke fand er in Antiquariaten oder in Büchereien, manchmal existierte nur noch ein einziges Exemplar. Dann spielte er Literaturgott und hauchte den Schattengewächsen neues Leben ein: "Es war für mich faszinierend, zu beobachten, wie ein kleiner Verlag, für den ich nicht mehr als einen Arbeitstag pro Woche aufwende, doch einen beachtlichen Impact haben kann."

Der gebürtige Münchner, ein stämmiger junger Mann, empfängt in seiner Wohnung in der Alserstraße, die gleichzeitig sein Büro ist: gutbürgerliches Ambiente mit Bücherregalen, in denen Selbstverlegtes neben anderer Literatur steht. In einer Ecke des Wohnzimmers steht ein Schreibtisch mit Laptop, die Herzkammer des Unternehmens DVB. Von hier aus dirigiert Eibl sein Mikro-Imperium, das in den vergangenen Jahren sieben Bücher von österreichischen Autorinnen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts herausgebracht hat. Darunter der famose Roman Der heilige Skarabäus der Frauenrechtlerin Else Jerusalem, der mit forensischer Präzision das Prostitutionsmilieu im Wien um 1900 beschreibt, und zwei Werke von Marta Karlweis, der Ehefrau des Schriftstellers Jakob Wassermann. Die Aufführung des Einakters Der Henker, eines dramatischen Jugendwerkes von Maria Lazar, die vor Kurzem am Wiener Akademietheater stattfand, markiert den bisherigen Höhepunkt in der kurzen Geschichte des DVB-Verlages.

In den nächsten Jahren wolle er noch drei, vier weiteren Schriftstellerinnen zu einem zweiten literarischen Leben verhelfen, sagt der Büchermacher, und dazu beitragen, sie in den Kanon zu integrieren. Dann aber müsse er wohl einmal innehalten und überlegen, wie die Sache weiterzuentwickeln sei. "Ein Rezensent hat einmal die gute Frage gestellt: Wie viele Wiederentdeckungen verträgt der österreichische Markt?"

Eibl ist ja nicht der einzige Scout, der tief in den Archiven gräbt, um verschollene Schätze zu finden. Auch die Verlage Milena, Droschl, Paul Zsolnay und Atelier haben in den letzten Jahren Autorinnen wie Hermynia zur Mühlen oder Ilsa Barea-Kulcsar, die in der Literaturgeschichte bestenfalls Fußnoten waren, der Vergessenheit entrissen und damit für eine gewisse Überbevölkerung eines bislang kaum beachteten literarischen Segmentes gesorgt.

Solange er nicht mehr als zwei Bücher pro Jahr veröffentliche, erzählt der Verleger, gelinge es immer wieder, die Neugier von Rezensenten zu wecken. "Sollte ich das aber einmal auf sieben, acht Titel ausdehnen, könnte es durchaus sein, dass das Interesse seitens der Presse signifikant nachlässt."