"Warum reden uns die Großeltern eigentlich immer noch jedes Jahr rein? Die sind doch eh bald nicht mehr dabei." So twitterte Fridays for Future Germany am Tag vor Heiligabend. Bereits nach Stunden entschuldigten sich die jungen Leute für den Tweet, nachdem sich die unterschiedlichsten Leser kritisch geäußert hatten.

Am Tag nach Weihnachten veröffentlichte WDR 2 das, was ein Mitarbeiter des Senders erdacht hatte. Neun- bis Zwölfjährige des WDR-Kinderchors sangen ein umgetextetes Lied: Meine Oma ist 'ne alte Umweltsau. Immerhin esse sie jeden Tag Koteletts vom Discounter. Nach Tausenden Hörer-Reaktionen nahm die Redaktion das Lied aus dem Netz.

Zweimal eine ähnliche Debatte. Und zweimal bleibt die Frage: Warum nur kann man nicht für Klimaschutz eintreten, ohne daraus einen Generationenkonflikt zu konstruieren? Ich kenne 80-Jährige, die seit 40 Jahren gegen den Klimawandel kämpfen, während große Teile der Jugend die Hauptstädte Europas erfliegen, Filme auf ihren Smartphones mit hohem CO₂-Verbrauch streamen und einen Luxus leben, von dem ihre Großeltern nur geträumt hätten. Die Opas und Omas von heute, das ist die Generation der 68er, damals 20, heute 70 Jahre alt, die zwar nicht gegen Klimawandel und für die Reduzierung von CO₂, aber gegen die Atomkraft gekämpft haben. Sie initiierten die Umweltbewegung, sie gehörten später zu den Gründern der Grünen.

Mir machen das Schüren von Konflikten und das Ausspielen von Gruppen, die sich gegenseitig hochschaukeln, schon lange Sorgen. Jung gegen Alt, Städter gegen Landbewohner, Menschen, deren Familien schon lange hier leben, gegen die, die zugewandert oder geflohen sind. Wir brauchen eine neue Fairness.

Wer politischen Diskurs als Konfrontation eskaliert, spielt ungewollt denen in die Hände, die unsere Gesellschaft ohnehin spalten wollen. Rechte Netzwerke inszenieren sich als Helfer und Schutztrupp der Opfer und Vergessenen des Mainstreams. So auch im aktuellen Fall: Der berechtigten Kritik folgte der Missbrauch durch rechte Netzwerke, inklusive Spontan-Demonstration vor dem WDR-Gebäude und Drohungen gegen Journalisten. Selbst der oberste Pegida-Hetzer aus Dresden mischte sich ein. Spätestens ab jetzt wurde die Kritik an einem unpassenden Lied als "rechts" diffamiert. Das Verteidigen des Liedes wurde gleichsam zum Lackmustest für eine antifaschistische Haltung. Wo sind Maß und Mitte geblieben? Auch vor Jahrzehnten gab es heftige Debatten. Aber woher kommt diese Unerbittlichkeit? Diese Aggression? Diese Tribunalisierung?

2020 muss zum Jahr der Renaissance unserer Debattenkultur werden. Ja, es kann, es muss Debatten geben über den besten Weg zum Klimaschutz. Wer eine andere Auffassung vertritt, ist keine Sau und auch kein Schwein. Und erst recht sollten Kinder Respekt vor Großeltern lernen. Das ist nicht rechts. Das ist eine zivilisatorische Errungenschaft in allen Kulturen. Wir brauchen eine faire Debattenkultur mehr denn je. Unser Land hat Großes vor: Kernenergieausstieg und Kohleausstieg gleichzeitig. Und unser Land steht vor großen Herausforderungen: einem totalen Umbruch der Auto-Industrie mit Folgen für Zehntausende Familien und internationalen Krisen mit Auswirkungen bis in jede Kommune. Wenn wir die Debatten, die jetzt anstehen, tribunalisieren, wird die Gesellschaft daran zerbrechen.

Eine neue Fairness in Wort und Tat umzusetzen, das ist die große Aufgabe der Politik in dieser Situation. Medien tragen für den öffentlichen Diskurs eine besondere Verantwortung. In diesen Zeiten brauchen wir dringend einen starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der dem Zusammenhalt dient, wie es seinem Auftrag entspricht. Und dem, was als Vermächtnis des großen Journalisten Hanns Joachim Friedrichs gilt: "Distanz halten, sich nicht gemeinmachen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken (...) Nur so schaffst du es, dass die Zuschauer dir vertrauen (...)."