Schon bei Sonnenschein wäre diese Schanze ein Wahnsinn. Drei Meter hoch, 15 Meter lang. Wer drüberwill, nimmt gut hundert Meter Anlauf mit den Skiern, lässt sich vom Schanzentisch in die Luft schleudern, fünf Meter hoch, 30 Meter weit. Wer zu wenig Anlauf nimmt und zu kurz springt, schlägt auf einem Flachstück auf. Völlig verrückt, wie gesagt, schon an sonnigen Tagen.

Heute hat es Nebel.

Andri Ragettli steht jetzt oben. Blaue Jacke, weiße Hose, die blonden Haare lugen unterm schwarzen Helm vor. Nur schemenhaft ist momentan der Absprung auszumachen, Nebel ummantelt ihn. Die anderen Springer, die sich an diesem Donnerstag Anfang Dezember im österreichischen Stubaital getroffen haben, machen eine Pause. Zu gefährlich gerade.

Ragettli schiebt an.

Beim Losfahren ruft er seinem Bruder zu, Gian, der mit einer Kamera hinter ihm herfährt: "Ich sehe fast nichts, ich mach easy."

Dann dreht er sich, fährt das letzte Stück vor der Schanze rückwärts, fliegt auch rückwärts hinein in den Nebel, dreht sich eineinhalbmal um die eigene Achse und einmal über den Kopf und landet vorwärts. Switch Cork 540, so nennen Freeskier den Sprung.

Easy.

Bei Ragettli ist eigentlich immer alles easy. Er sagt das Wort alle paar Minuten. Zweimal hat er den Gesamtweltcup der Freeskier im Slopestlye schon gewonnen, einmal im Big Air, er ist gerade mal 21, easy. 335.000 Menschen folgen ihm auf Instagram, der Fußballclub Real Madrid arbeitet jetzt mit ihm zusammen. Easy. Und ganz nebenbei wurde Ragettli zu so etwas wie der Blaupause für den Sportler der Zukunft. Supereasy.

Wer ist dieser Mann?

Nach seinem Sprung über den Nebel federt er noch über ein paar Rails, dann schwingt er ab, sein Bruder mit der Kamera ist schon da. Ragettli blickt ins Objektiv und beginnt zu sprechen, über schlechtes Wetter und darüber, wie es seinen Sport beeinflusst. Zuerst auf Englisch, dann noch mal dasselbe auf Schweizerdeutsch. Die englische Version wird Ragettli später für sein Vlog verwenden, sein digitales Tagebuch auf YouTube. Die schweizerdeutsche Version wird er dem Fernsehsender Teleclub schicken. Der bringt seit dieser Saison eine wöchentliche Dokuserie über ihn, immer freitags.

Wer ihn eine Weile begleitet, der stellt sich irgendwann die Frage: Ist Ragettli ein Sportler, der nebenbei zum Social-Media-Star wurde? Oder ist er ein Social-Media-Star, der nebenbei Sport macht?

Heute will jeder Sportler zu einer Marke werden. Weil er dann mehr verdient

Ragettli begann schon früh mit der digitalen Selbstvermarktung. Die ersten Videos veröffentlichte er mit acht Jahren. Später befasste er sich für die Matura an der Sporthochschule Engelberg mit Social Media. "Der perfekte Post", lautete der Titel seiner Abschlussarbeit. Heute hilft ihm die ganze Familie bei der Bewirtschaftung der eigenen Marke: Mutter Beatrice kümmert sich um die Administration, Schwester Christina organisiert die Medientermine, und Bruder Gian filmt und begleitet ihn an die Wettkämpfe. "Gemeinsam haben wir mit Andri klein angefangen", sagt Christina. Inzwischen reicht es bei allen für ein bescheidenes Gehalt.

Im Gipfelrestaurant bestellt Gian Ragettli einen Kaffee. Eigentlich ist er selbst ein begnadeter Freeskier, auf seinem Instagram-Account lädt er Videos von doppelten Backflips im Tiefschnee hoch. Aber je erfolgreicher Andri wird, desto mehr lohnt es sich für Gian, für seinen Bruder zu arbeiten.

An diesem Wochenende wollte er für das Vlog den ersten Contest der Saison aufnehmen, doch der fällt dem Nebel zum Opfer. Andri trainiert trotzdem. Und Gian hat heute Morgen schon eine Stunde mit der Drohne gefilmt, für den Nachmittag sind ein paar Followcams geplant, also Fahrten, bei denen er mit der Kamera in der Hand dicht hinter Andri über die Schanze springt, um ihn auch in der Luft aus der Nähe filmen zu können.

Für manche Vlogs shooten sie drei Tage und haben trotzdem kein gutes Material. "Das ist richtig Arbeit", sagt Gian. "Andererseits habe ich Metallbauer gelernt. Ich bin dankbar für jeden Tag, an dem ich hier sein kann und nicht auf eine Baustelle muss."

Sein Bruder Andri hat nach der Schule gar nichts gelernt, er fuhr da längst im Weltcup. Heute sagt er: "Ich habe zwei Ziele: Ich will Olympiasieger werden. Und ich will mir auf YouTube eine Riesenfanbase erarbeiten, zu einer Marke werden, sodass ich auch langfristig davon leben kann."

Zu einer Marke werden, das wollen Sportler seit Jahrzehnten. David Beckham war eine Marke, Roger Federer ist eine. Alte Regel: Wer zur Marke wird, verdient mehr. David Beckham hat zeit seiner Karriere das vermutlich Fünffache eines Michael Ballack verdient, obwohl die beiden auf ähnlichem Niveau spielten. Doch während Beckham und Federer zu Beginn ihrer Karriere noch das Match brauchten und die klassische Fernsehübertragung, um weltberühmt zu werden, ist heute vieles anders.