Australien könnte den Ground Zero der Klimakatastrophe bezeichnen. Das prachtvolle Great-Barrier-Riff stirbt ab, die Regenwälder des Landes, die zum Weltnaturerbe gehören, stehen in Flammen, die gewaltigen Kelpwälder sind weitgehend verschwunden, zahllose Städte haben schon jetzt oder bald kein Wasser mehr – und nun wüten auf dem riesigen Kontinent Feuer in nie da gewesenem Ausmaß.

Die Bilder von den Bränden muten an wie eine Mischung aus den Filmen Mad Max und Das letzte Ufer: Tausende an den Strand Geflüchtete unter einem trüben orangefarbenen Dunstschleier, dicht gedrängte Menschen und Tiere, die in ihrer seltsamen Stummheit fast an Bilder aus dem Mittelalter erinnern, halb Bruegel, halb Bosch, vom Feuer eingekreist, die Gesichter der Überlebenden hinter Masken und Schwimmbrillen verborgen. Der Rauch löscht alles Licht aus und macht den Tag zur Nacht – in den entsetzlichen Minuten, bevor sich das nahende Inferno mit einem roten Glühen ankündigt. Flammen schlagen 60 Meter hoch in die Luft. Feuertornados. Verängstigte Kinder in Dingis, die ihre Boote von den Flammen wegsteuern – Flüchtlinge im eigenen Land.

Ein Gebiet von fast 60.000 Quadratkilometern ist bereits niedergebrannt, das entspricht fast der Fläche Österreichs. Damit wurde mehr als viermal so viel Land zerstört wie 2018 bei den Bränden in Kalifornien – und achtmal so viel wie bei den Bränden im Amazonas-Gebiet 2019. Am 1. Januar war die Luft in Canberra stärker verschmutzt als an jedem anderen Ort der Welt, unter anderem wegen einer Rauchwolke von der Breite Europas. Nach Schätzungen von Wissenschaftlern sind fast eine halbe Milliarde heimischer Tiere ums Leben gekommen. Man befürchtet, dass einige Tier- und Pflanzenarten völlig ausgerottet wurden. Tiere, die überlebt haben, lassen ihre Jungen zurück. Es ist von ihrem massenhaften Verhungern die Rede. Mindestens 25 Menschen kamen ums Leben, man bangt um viele weitere.

Und die Hauptphase der Brandsaison fängt gerade erst an. Während ich diesen Text schreibe, wird in New South Wales der Notstand und in Victoria der Katastrophenfall ausgerufen. Es finden Massenevakuierungen statt, man befürchtet eine humanitäre Katastrophe, und entlang der Ostküste sind Städte vom Feuer eingeschlossen. Dort sind sämtliche Verkehrs- und die meisten Nachrichtenverbindungen unterbrochen, sodass man über ihr Schicksal nichts weiß.

Eine E-Mail, die der pensionierte Ingenieur Ian Mitchell an Neujahr aus der kleinen Gemeinde Gipsy Point im Norden Victorias seinen Freunden schickte, spricht für zahllose Australier in dieser Katastrophe:

"Ihr Lieben, wir und die meisten Häuser in Gipsy Point sind zum jetzigen Zeitpunkt noch da. Hier in Gipsy Point sind 16 Menschen. Seit vier Tagen kein Strom, keine Telefonverbindung und keine Chance darauf, dass irgendjemand herkommt, da alle Straßen blockiert. Nur Satelliten-E-Mail funktioniert. Wir haben zwei größere Boote und können vielleicht Vorräte aus Coota holen, besonders Treibstoff. Wir brauchen mehr Leute, die die Stadt schützen können, weil es ab Freitag wieder sehr heiß werden soll. Um Tucks wird es ab heute problematisch, aber überall umgestürzte Bäume auf den Wegen, und niemand da, der etwas unternehmen kann. Wir sind erschöpft, sonst geht es uns gut. Aber wir sind im Jahr 2020 noch da! Viele liebe Grüße von uns."

Vor der Buchhandlung im vom Feuer verwüsteten Dorf Cobargo in New South Wales steht ein neues Schild: "Postapokalyptische Belletristik steht jetzt unter 'Aktuelles Zeitgeschehen'".

Man kann es kaum fassen, doch die führenden Politiker Australiens reagieren auf diese beispiellose nationale Krise nicht, indem sie sich für ihr Land einsetzen. Stattdessen verteidigen sie die Kohle-, Öl- und Gasindustrie, die beiden großen Parteien viel Geld spendet – als würden sie den Untergang des Landes billigend in Kauf nehmen. Als Mitte Dezember die Brände eskalierten, besuchte der Vorsitzende der oppositionellen Labor Party lauter Orte, in denen Kohlebergbau betrieben wird, und machte seine uneingeschränkte Unterstützung für die Exporte der Kohle deutlich. Unser Premierminister Scott Morrison, ein Konservativer, fuhr nach Hawaii in den Urlaub.

Seit 1996 haben konservative Regierungen in Australien eine nach der anderen erfolgreich alles darangesetzt, internationale Übereinkommen zum Klimawandel zu untergraben, um die Kohle-, Öl- und Gasindustrie zu schützen. Heute ist Australien der weltweit größte Exporteur von Kohle und Gas. Kürzlich landete das Land auf einer Rangliste zum Thema Klimaschutzmaßnahmen auf Platz 57 von 57.

Seinen knappen Wahlsieg im vergangenen Jahr verdankte Morrison nicht zuletzt dem Bergbau-Magnaten Clive Palmer. Dieser gründete eine Marionettenpartei, um die Labor Party nicht an die Regierung kommen zu lassen, die echte Klimaschutzmaßnahmen ergreifen wollte, wenn auch in begrenztem Maße. Palmers Werbebudget für den Wahlkampf war mehr als doppelt so groß wie das der beiden großen Parteien zusammen. Später kündigte Palmer an, das größte Kohlebergwerk Australiens bauen zu wollen.