Axel Voss ist wieder dort, wo er einst angefangen hat: in Zimmer 146 im 15. Stock des EU-Parlaments. Es ist das gewöhnliche Büro eines gewöhnlichen Abgeordneten: Auf dem Schreibtisch ein Glas mit Gummibärchen, auf dem Tisch eine schwarze Mappe, daneben ein Tablet, auf dem Fensterbrett leuchtet ein blauer Stoffbeutel mit gelben Sternen, links hinter der Tür stehen noch die Umzugskartons.

Voss ist ein unscheinbarer Mann. Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass er im vergangenen Jahr zum Hassobjekt einer ganzen Generation geworden ist. Dass Hunderttausende Menschen deutschlandweit gegen seine Politik auf die Straße gingen. Dass sie Plakate mit seinem Gesicht bastelten und ihn als "Vollvossten" beschimpften. Dass der YouTuber Rezo ihn in einem millionenfach aufgerufenen Video namens "Die Zerstörung der CDU" als Beispiel für "krasse Inkompetenz bei CDU-Leuten" nannte.

Axel Voss hat den Hass der Netzgemeinde erlebt. © Jo Schwartz/​Fotofinder

Vor allem kann man sich kaum vorstellen, dass eine unspektakulär klingende EU-Reform Voss all den Trubel eingebrockt hat: die Richtlinie für das Urheberrecht im digitalen Binnenmarkt. Sie sollte endlich grundsätzlich regeln, wie das Urheberrecht im Internet aussehen könnte. Axel Voss hat sie federführend verhandelt und gegen extreme Widerstände von Netzpolitikern, YouTube-Stars und dem Chaos Computer Club durchgesetzt. Für wenige Monate stand er 2019 im Rampenlicht, bevor er wieder von der öffentlichen Bühne verschwand. Wie blickt er heute auf diese Zeit?

Ein Morgen im Dezember, draußen ist es noch dunkel, Nebel hängt vor dem Bürofenster von Axel Voss. Im Mai ist das EU-Parlament neu gewählt worden, der Politiker ist ohne Probleme wieder eingezogen, auf Platz vier der nordrhein-westfälischen Landesliste der CDU. Er hat seitdem ein neues Büro, es ist zufällig das, in dem seine EU-Karriere vor zehn Jahren begann. In gewisser Weise fängt auch Voss wieder von vorne an, die Urheberrechtsreform liegt hinter ihm, die Kommission kümmert sich jetzt um die Umsetzung. Und doch lässt ihn das Ganze nicht los.

In Voss’ Welt sind "seine Internetfreunde", wie er die Reformgegner spöttisch nennt, von YouTube angestachelt worden. Es habe eine "Desinformationskampagne" gegen seine Reform gegeben. Politische Gegner wie die Piratenpolitikerin Julia Reda hätten wider besseres Wissen falsche Informationen verbreitet. Wenn man mit ihm redet, scheint er all die großen Emotionen, die da auf ihn hereingebrochen sind, auf diese eine Formel zusammenzuschrumpfen: Die Gegner haben emotionale Märchen erzählt, und die jungen Menschen haben diese Märchen geglaubt.

Bis zum vergangenen Jahr war Voss nur ab und an mal in den Medien aufgetaucht, wie so viele EU-Parlamentarier. Ein ganz normaler Politiker, einer von 751 Abgeordneten, stellvertretender Vorsitzender der NRW-Landesgruppe in der EU und Bezirkschef der CDU Mittelrhein. Voss äußerte sich mal zur Datenschutz-Grundverordnung, mal zum Austausch von Fluggastdaten mit den USA. Aber nie wurde es so groß, so kontrovers, so emotional wie beim Urheberrecht.

Auch war Voss nicht der einzige Politiker, der die Reform unterstützte. 348 Abgeordnete stimmten später für die Reform, eine der namhaftesten Befürworterinnen in Deutschland war die Grünen-Politikerin Helga Trüpel. Doch es war Voss, der zur Zielscheibe wurde. Denn als Verhandlungsführer war es seine Aufgabe, die Öffentlichkeit über den Stand der Reform zu informieren, er war das Gesicht der Befürworter. Und seine Auftritte wirkten oft unglücklich: Er drückte sich missverständlich aus, manchmal sagte er Kurioses, manchmal schlichtweg Falsches über das Urheberrecht oder das Internet. Früher wären solche Aussagen vielleicht untergegangen, doch im Netz teilten die Gegner sie hundertfach – sie passten zu dem Gefühl, dass dieser Mann keine Ahnung habe von dem, was er da reformiert, dass "die in Brüssel" das Internet nicht verstehen. So aufgeheizt war die Stimmung, dass Voss bei manchen Auftritten in Deutschland angeblich eine schusssichere Weste trug.