Carlos Ghosn braucht Menschen um sich herum, die den Mund halten können. Leute wie Ricardo Karam zum Beispiel, einen Fernsehproduzenten aus Beirut und Freund des einst so mächtigen Automanagers. Von der ZEIT am Montagabend gefragt, wo Ghosn sich gerade aufhält, verrät Karam nicht mal, ob er das weiß. Er sagt: "Ich mag die Frage nicht so gern." Ghosn habe die erste Nacht nach seiner Flucht im Haus seiner Schwiegermutter in Beirut verbracht. Wo er sich jetzt verstecke, darüber reden seine Freunde nicht. "Aber ich weiß, wie ich ihn erreichen kann, wenn ich es will."

Es gibt in der jüngeren Geschichte des Carlos Ghosn viele Menschen, die wussten, wann sie den Mund zu halten hatten. Dazu gehören ein früherer amerikanischer Elitesoldat und ein Sicherheits-Söldner, die ihm laut Wall Street Journal bei seiner spektakulären Flucht aus Japan geholfen haben sollen. Dazu gehört der Mitarbeiter einer türkischen Charterfluggesellschaft, der für ihn auf der Flucht Papiere gefälscht haben soll, wie das Unternehmen zugab.

Dazu gehört aber auch der Leiter der Rechtsabteilung von Nissan, der von den geheimen Millionenzahlungen des Autokonzerns an Ghosn gewusst haben soll, die der sich laut einer Klageschrift der US-Wertpapieraufsicht einfach selbst genehmigt haben soll. Der Jurist bestreitet die Vorwürfe, verurteilt wurde er nie. Doch am Ende wurden diese Zahlungen Ghosn zum Verhängnis, sie brachten den Manager 2018 in ein Untersuchungsgefängnis in Tokio. Später kam er gegen eine Kaution in Millionenhöhe frei. Die japanischen Behörden werfen ihm Veruntreuung vor.

Ghosns Fall ist in der Geschichte der Automobilindustrie einzigartig, obwohl es der an Skandalen nicht gerade mangelt. Mit ihm ist ein Manager gestürzt, der einst über ein Reich von Produktionsanlagen herrschte, in dem die Sonne nie unterging. Ghosn rettete Nissan, modernisierte Renault, verbrachte jedes Jahr rund 100 Nächte im Firmenjet und wurde als "Le Cost Cutter" gleichermaßen gefeiert wie gefürchtet. Spätestens mit seiner zweiten Hochzeit wurde er zum Sonnenkönig der Automobilindustrie: Er heiratete im Schloss von Versailles und wusste, was er dem Konzern wert zu sein hatte: Die Miete für die Partyräume (50.000 Euro) wurde von der Firma übernommen, sein Anwalt spricht von einem Missverständnis. Als Ghosn im November 2018 am Flughafen Tokio festgenommen wurde, war das der Totalschaden einer Managerkarriere. Es war der Moment, in dem ihn viele fallen ließen, die ihn bis dahin verehrt hatten. Die Franzosen von Renault, die Japaner von Nissan, plötzlich wollte keiner etwas mit dem Mann zu tun haben. Am Tag seiner Festnahme schmissen sie ihn bei Nissan raus.

Für Ghosn begannen die härtesten Monate seines Lebens. Quälend lange Verhöre musste er über sich ergehen lassen, sagt einer seiner Anwälte. Er wusste, japanische Strafverfahren enden in 99 Prozent aller Fälle mit einer Verurteilung, weil nur in den aussichtsreichen Fällen Anklage erhoben wird. Ein Deal? Sich mit einem Geständnis freikaufen? Auf keinen Fall. In einer Videobotschaft wehrte er sich im April 2019: "Ich bin unschuldig", sagte er – und floh kurz vor Silvester im Privatjet in einer Kommandoaktion nach Beirut.

"Der Libanon ist der ideale Ort, um seine Ehre wiederherzustellen", sagt ein Freund

Der Libanon ist Ghosns Rückzugsort. Er besitzt dort eine Villa – die Nissan ihm angeblich bezahlt hat – und hat dort ein Weingut mitgegründet. Auf Straßenplakaten in Beirut standen Solidaritätsbotschaften, die libanesische Regierung forderte zweimal von Japan, ihn ausreisen zu lassen. Ghosn hat drei Staatsangehörigkeiten – die libanesische, die brasilianische, die französische – und ist dauernd unterwegs. Er ist der berühmteste Manager des Landes, einer, auf den man stolz ist. Er hat dort zudem Verwandte und Freunde.

Der Fernsehproduzent Ricardo Karam kennt Ghosn seit mehr als 20 Jahren, Ghosn sitzt im Beirat von Karams Stiftung, mit der er Jugendliche aus dem Nahen Osten fördert. "Er ist jetzt wieder zu Hause", sagt er am Telefon. Kurz nach der Ankunft von Ghosn in Beirut schickte Karam eine SMS an Carole Ghosn, die Ehefrau des Managers: "Happy New Year! Auf einen neuen Anfang". Sie antwortete mit einem Smiley und einer Träne, berichtet er. "Hier ging er zur Schule, hier wurde er der, der er heute ist", sagt Karam. Und er meint: "Der Libanon ist der ideale Ort für ihn, um sich zu verteidigen und um seine Ehre wiederherzustellen."