Die gute Nachricht der Woche lautet in Kürze: minus sechs Prozent. So stark ist der Ausstoß von Treibhausgasen in Deutschland im vergangenen Jahr gesunken, von 2018 auf 2019 nahm er ähnlich ab wie zuletzt im Weltwirtschaftskrisenjahr 2009 – diesmal ohne Krise.

Ein Grund zum Jubeln? Na ja. Freut euch nicht zu früh, müsste man den deutschen Bürgern wohl eher zurufen. Und der Bundesregierung: Ihr euch schon gar nicht!

Es ist ja prima, die Atmosphäre etwas weniger belastet zu haben als zuvor (sofern der Thinktank Agora Energiewende, von dem die Zahl stammt, damit wie in der Vergangenheit richtig liegt. Eine amtliche Statistik steht noch aus). Und die Nachricht klingt umso besser, je stärker man ihren Kontext ausblendet. Umgekehrt ist sie allerdings lehrreicher.

So ist das Minus kein Gemeinschaftswerk, gespart wurde vor allem bei der Stromerzeugung. Sektoren wie Industrie und Landwirtschaft trugen nicht wesentlich dazu bei. Bei den Gebäuden und im Verkehr stiegen die Emissionen sogar weiter. Nicht "Deutschland" hat weniger emittiert, sondern die Energiewirtschaft.

Warum hat sie das getan? Jedenfalls nicht aufgrund der nationalen Klimapolitik – die Bundesregierung wirkt nämlich so, als wolle sie nach Kräften behindern, was sich 2019 als besonders hilfreich erwiesen hat.

Als Ursache für den gesunkenen Treibhausgas-Ausstoß nennen die Agora-Autoren an erster Stelle den EU-Emissionshandel. Dieses System kann man sich wie eine Börse vorstellen: Wer CO₂ ausstoßen will, muss sich die Erlaubnis dafür erkaufen, mit "Zertifikaten", die europaweit gehandelt werden. 2019 erreichten sie einen Höchstpreis. Weil Kohlekraftwerke am dreckigsten sind, zahlten sie am meisten und drosselten daraufhin ihre Leistung. Das minderte die Emissionen.

Der Verschmutzung einen Preis zu geben wirkt also. Doch just dieses Prinzip hat die Bundesregierung in ihrem Klimapaket vom Herbst stiefmütterlich behandelt: keinen CO₂-Preis für alle, sondern eine nur kümmerlich niedrige Verschmutzungsgebühr für Verkehr und Gebäude.

Die Helden hinter der guten Nachricht heißen Windkraft und Sonnenstrom. Sie stopften 2019 die Lücke, die die gedrosselte Kohlekraft schuf. Nie war ihr Anteil am deutschen Strommix größer. Doch auch das kann Schwarz-Rot kaum für sich reklamieren, behinderte die Koalition doch lange den Ausbau der Solarenergie und der Windkraft (in Erwartung strengerer Abstandsregeln zwischen Häusern und Windrädern wird fast keine Turbine mehr errichtet).

Dabei wird jede zusätzliche Kilowattstunde gebraucht: Wenn Ende 2022 die letzten deutschen Kernkraftwerke vom Netz gehen, könnte Kohlestrom wieder zulegen. Aktuell laufen noch sechs Kernreaktoren und liefern etwa jede achte Kilowattstunde.

Bei aller Freude über die Minus-sechs-Prozent-Nachricht – darauf verlassen, jetzt laufe ja alles in die richtige Richtung, darf sich niemand. Denn schon steht ein neuer Stromdurst bevor, schließlich lautet in vielen Bereichen das Klimaschutz-Universalrezept: Elektrifizierung. Im Verkehr etwa sollen Elektroautos für weniger Treibhausgas-Ausstoß sorgen. Millionen Steuergelder gab der Bund schon für Industrieförderung und Kaufprämien aus. Klimafreundlich ist das aber erst, wenn der Strom für die E-Mobile überwiegend aus erneuerbaren Quellen stammt.

Ganz ähnlich ist es beim "grünen Wasserstoff". Der wird nun zwar gerne als alternativer Energieträger beschworen. Ihn zu erzeugen kostet aber viel Ökostrom. Ist dieser dereinst im Überschuss vorhanden, mag er die Klimabilanz von Verkehr und Industrie, Gebäuden und Landwirtschaft verbessern helfen.

Plausibel also, dass der Stromdurst steigt. Aber statt eine nationale Strategie zu formulieren, hat die Regierung im Herbst einfach erklärt, sie erwarte für 2030 einen Bedarf "geringfügig unterhalb des heutigen Niveaus" – Forscher prognostizieren einen starken Anstieg.

Die guten Nachrichten vom Jahresbeginn sind also weniger ein Grund zur Freude als ein Ansporn zur Eile. Damit es weitergeht mit Minus.