Seit in der Silvesternacht die Feierlichkeiten in Leipzig-Connewitz eskalierten, diskutiert das Land über die Gefahr linksextremer Gewalt. Ein Polizist wurde an jenem Abend verletzt ins Krankenhaus eingeliefert und am Ohr operiert, drei weitere Beamte erlitten leichte Verletzungen. Drei der Beschuldigten waren bis Redaktionsschluss noch inhaftiert, die Staatsanwaltschaft Leipzig ermittelt wegen Mordversuchs.

Sachsens Innenminister Roland Wöller sprach danach von einer "neuen Stufe linksextremer Gewalt", der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, warnte davor, dass sich im linken Spektrum "militante Strukturen nach dem Muster der 'Roten Armee Fraktion' (RAF)" entwickeln würden. Angeheizt wurde die Debatte vor allem von der sächsischen Polizei selbst, die davon berichtete, dass der verletzte Beamte habe "notoperiert" werden müssen, und von "einem geplanten und organisierten Angriff".

Wie sich zeigte, ließ sich diese Darstellung jedoch nicht gänzlich aufrechterhalten. Zuerst räumte die Polizei ein, dass der bewusstlose Kollege nie in Lebensgefahr geschwebt hatte. Dann veröffentlichte ZEIT ONLINE ein Video der Silvesternacht, das ein deutlich differenzierteres Bild der Ereignisse zeichnet. Es zeigt den Angriff auf den Beamten: Auf dem Material erkennt man, wie vermummte Menschen mit Gegenständen auf Polizisten losgehen und Raketen auf die Beamten abfeuern, jemand schiebt einen brennenden Einkaufswagen über den Platz, und ein Angreifer springt einem Bereitschaftspolizisten mit einem Tritt ins Genick. Herumstehende grölen: "Haut ab, ihr Schweine!", Beamte gehen zu Boden. Eine Eskalation von Gewalt ist zu sehen. Nicht jedoch ein orchestrierter Angriff. Die Szene wirkt eher wie eine spontane Aktion, um einen Festgenommenen zu befreien. Augenzeugen berichten der ZEIT zudem von rabiaten Angriffen der Polizei, unterlassener Hilfeleistung und einem unkoordinierten Polizeieinsatz. Das belegen auch weitere Aufnahmen und Fotos, die der ZEIT vorliegen. In einem Video ist zu sehen, wie neun Polizisten aggressiv auf einen Jugendlichen einschlagen, der zuvor einen Beamten getreten hatte.

Die teilweise schweren Angriffe auf die Polizisten führten dazu, dass die Ermittlungen noch in der Silvesternacht an die Sonderkommission Linksextremismus ("Soko LinX") des Landeskriminalamts übergeben wurden. Die Ermittler des LKA wollten sich auf Anfrage nicht zu den ihnen bisher unbekannten Video-Aufnahmen äußern. Man ermittle trotzdem weiter wegen versuchten Mordes. "Das massive Einwirken kann man nicht wegreden", sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Ricardo Schulz. Das Video wollen die Ermittler jetzt auswerten. Ab Mittwoch muss sich der erste von zwölf Tatverdächtigen vor dem Leipziger Amtsgericht wegen vorsätzlicher Körperverletzung verantworten.