Um sechs sollte ich im Literaturhaus in der Fasanenstraße sein, aber leider kam ich erst kurz nach halb sieben dort an, weil mein Uber-Fahrer sich in Damaskus oder Karatschi offenbar besser auskannte als in Berlin. Zuerst war er am Zionskirchplatz einfach an mir vorbeigefahren. Dann rief er mich an und sagte in schlechtem Englisch, er sei da. "Nein", sagte ich, "ich bin da. Wo sind Sie?" – "Oh, Entschuldigung", sagte er verwirrt, "ich glaube, ich bin in der Kastanienallee."

Als er wiederkam und ich einstieg, sah ich auf dem Telefon, dass Uber und er mir fünf Euro für die Fahrt um den Block berechnet hatten, die er ohne mich gemacht hatte. Ich sagte gereizt, dass ich das nicht gut fände, er sagte noch einmal Entschuldigung und drückte mir einen Fünf-Euro-Schein in die Hand, und auf dem Weg nach Charlottenburg verfuhr er sich komischerweise zweimal. Als wir dann endlich beim Literaturhaus ankamen, gab ich ihm seinen Fünf-Euro-Schein wieder zurück. Ich machte auf dem Telefon die Uber-App auf und tippte bei seinem Namen auf fünf Sterne, und einen Euro Trinkgeld kriegte er auch. Beim Aussteigen wünschte ich ihm einen schönen Abend, er mir aber nicht, und jetzt erst merkte ich, wie unglaublich sauer ich war.

Zehn Minuten später saß ich, immer noch schlecht gelaunt, auf der Bühne des Literaturhauses in der Fasanenstraße und musste auf Fragen zur Literatur von Juden in Deutschland seit 1945 antworten. In der ersten Reihe saß Rosa, meine Tochter, die Geschichte studiert und wahrscheinlich heimlich an einem Instagram-Roman arbeitet, in der dritten Reihe saß Robert aus Wien. Er ist der zweite Robert aus Wien, den ich kenne, und er hat genauso wie der andere Robert ein paar jetzt schon ziemlich unvergessliche Romane in der Sprache von Eichmann und Böll geschrieben. Sonst waren noch sehr viele andere Leute da, die sich für Literatur interessierten, für jüdische Literatur – aber nicht nur. Für komplizierte Geschlechterfragen, identitätspolitische Gerechtigkeit und ihre eigene Herkunft, die selten im Sinn des Jerusalemer Oberrabbinats als jüdisch gelten würde, interessierten sich die Leute im Literaturhaus nämlich auch. Das wusste ich, weil wir heute Abend zusammen so eine Art jüdisches Literaturfestival eröffneten, das aber leider völlig unjüdisch "Verquere Verortungen" hieß – und weil ich im Programm, das vor lauter Gendersymbolen und neulinken Kampfbegriffen wimmelte, gesehen hatte, dass kaum einer der anderen eingeladenen Schriftsteller und Dichter bei einem Minjan mitmachen dürfte, egal ob als Mann oder Frau. Machte mich das vielleicht noch wütender als der verwirrte Uber-Fahrer?

An die Fragen der beiden freundlichen und extrem höflichen Moderatoren auf der Bühne des Literaturhauses in der Fasanenstraße kann ich mich leider nicht mehr richtig erinnern, aber ich weiß noch ungefähr, was ich gesagt habe. "Ich fühle mich hier wie bei einem Maranen-Gottesdienst", sagte ich gleich am Anfang. Und: "Literatur ist nicht Ideologie." Und: "Mich interessiert beim Schreiben nur eins: die Schönheit der Worte und der Geschichten, sonst nichts." Das stimmte alles sogar, aber ich war zu ernst, zu leidenschaftlich und zu humorlos, ich machte wie früher im Deutschunterricht Stress, und dabei sah ich ständig von der Bühne zu Rosa und zu Robert hinunter und hoffte, dass sie mich nicht allzu peinlich fanden, aber sicher war ich mir nicht.

Irgendwann stritt ich mich mit den beiden freundlichen Moderatoren plötzlich darüber, wer Jude ist und wer nicht und ob das beim Schreiben von jüdischen Romanen und Gedichten überhaupt eine Rolle spielt. "Einerseits nein", sagte ich. "Andererseits: Wer schreibt spanische Literatur? Spanier oder Südafrikaner?" Jemand im Publikum lachte – hoffentlich war das Rosa oder Robert, dachte ich –, und dann machte ich noch ein bisschen mit meiner Jewish is beautiful-Tirade weiter. Wer kein Jude ist, sagte ich, wer bloß einen jüdischen Großvater hat, wer mit Weihnachts- und SED-Liedern aufgewachsen ist oder aus einer traditionslosen sowjetischen Familie kommt, in der über Juden auch nicht viel netter geredet wurde als an Stalins Frühstückstisch, der wird mit seinen Sätzen und Worten nie den Sound von König David, Isaak Babel und Saul Bellow treffen, der schreibt und denkt so, wie sich das ein nichtjüdischer Philo- und Antisemit von ihm wünscht, also völlig assimiliert, historisch ziemlich verspannt und ein wenig antiisraelisch natürlich auch. "Was ist kulturelle Aneignung, wenn nicht das?", rief ich den Leuten im Literaturhaus in ihrer eigenen Befreiungsterminologie zu. "Das ist noch lächerlicher als Blackfacing von Al Jolson und Gucci!" Entsetzte Stille, ein bisschen Applaus und Schluss.

Hinterher saßen Rosa, Robert und ich im sehr lauten, überfüllten Café des Literaturhauses, das wie fast alle Cafés in Charlottenburg etwas sehr Kleinbürgerliches hat – die Gäste, die vielen Korbstühle, die bunten Neunzigerjahre-Desserts –, aber auch irgendwie nicht. Zum Glück fand Rosa nicht, dass ich peinlich war. Sie sagte, sie könne die Leute, die mich so sauer machten, aber trotzdem verstehen. Sie seien eben sehr durcheinander wegen ihrer komplizierten Herkunft und der noch viel komplizierteren Art der Deutschen, mit allem, was halb-, viertel- und volljüdisch ist, umzugehen, und dann seien da noch ihre eigenen biografischen und historischen Verwicklungen, ja, und wenn sie selbst schreibe, frage sie sich auch, was an ihr eigentlich jüdisch sei. Interessant, dachte ich, gibt es vielleicht wirklich einen geheimen Instagram-Roman? Dann fragte ich Robert, wie er das Ganze fand.

Robert, dessen zauberhafter, poetischer Roman Gebürtig eines der wichtigsten Bücher unserer aller Nachkriegszeit ist, sah mich zuerst wie immer sehr freundlich an. In seinen alt gewordenen schwarzen Augen lag der Schimmer einer Ich-weiß-dass-ich-nichts-weiß-Allwissenheit eines Mannes, der als Kind verfolgter jüdischer Kommunisten noch mitten im Krieg geboren wurde. Und obwohl seine warme, ehrliche Stimme nicht mehr ganz so fest war wie früher, merkte man, dass er die Worte und Gedanken noch immer sehr genau wählte. "Seltsam", sagte er in den schrecklichen Literaturhaus-Lärm mit seinem feinen, zarten Wiener Deutsch leise hinein, "vor dem Krieg hätte kein einziger Nichtjude ein Jude sein wollen, und jetzt sind es so viele. Ein herrliches Chaos – nicht wahr?"

Ja, was für ein Chaos, dachte ich, als ich eine Stunde später in einer sehr schönen, tiefschwarzen Uber-Limousine zum Zionskirchplatz zurückfuhr. Der Fahrer hatte mich sofort gefunden, er fuhr entspannt und ohne Umwege, und weil ich mich seinetwegen nicht aufregen musste, dachte ich – jetzt ganz in Ruhe – über alles noch einmal nach. Früher bestand ich immer darauf, dass ich ein jüdischer Schriftsteller bin, sagte ich zu mir selbst, inzwischen erkläre ich aber jedem, der mich danach fragt oder auch nicht, ich sei ein deutscher Schriftsteller, nichts anderes. Warum habe ich meine Meinung geändert? Bin ich wie die verzweifelten Maranen aus dem Literaturhaus auch schon von dieser ewigen Melange aus Krieg, Nachkrieg, schlechtem deutschem und jüdischem Gewissen verwirrt? Hat Rosa recht, wenn sie sagt, dass inzwischen nicht einmal mehr die Juden wissen, wer sie sind? Und wäre genau diese Verwirrung nicht vielleicht ein guter Stoff für eine Erzählung oder einen Roman?

Ich guckte aus dem Autofenster raus – wir fuhren gerade am Hauptbahnhof vorbei, der von Dutzenden von Kränen und halb fertigen Bürohäusern umgeben war und wie eine durch den ewigen schwarzen Kosmos treibende, grell beleuchtete Weltraumstation aussah –, ich dachte, was für eine schöne, perfekte Fahrt nach Hause, und dann fiel mir noch einmal der Streit mit dem Uber-Mann von vorhin ein. Wieso war ich so laut und unfreundlich zu ihm gewesen? Warum ignorierte ich, wie unglaublich fremd und verloren er sich in einer Stadt und in einem Land fühlen musste, durch das er Tag und Nacht dessen ungeduldige, anmaßende, gefühllose Bewohner fuhr? Und hatte er sich vielleicht für meine Ungeduld gerächt und mir meine eigene Bewertung als Fahrgast bei Uber kaputt gemacht?

Ich öffnete die Uber-App, ging auf mein Profil und erschrak. Ja, genau das hatte er getan, denn ich hatte plötzlich keine fünf Sterne mehr. Na und, dachte ich, ich hatte an diesem Abend eben nichts anderes verdient.