Der erste Satz der Weltgeschichte steht in der Bibel. Gott sprach: Es werde Licht. Alles Weitere ergab sich daraus. Alexander Osang beginnt seine Schöpfung ähnlich elementar, auch wenn sein erster Satz mehr Wörter braucht: "Sina Krasnowa schob die letzten Scheite in den Ofen, als sie draußen in der Stadt ihrem Mann einen Holzpfahl in die Brust schlugen."

Die Stadt heißt Gorbatow. Sie liegt 400 Kilometer östlich von Moskau an der Oka, einem Zustrom der Wolga. Der Mord geschieht 1905. Der Zar schickt Boten durchs Land, die dem rumorenden Volk seine Reformpolitik verkünden sollen. Im Städtchen Gorbatow wird die Kundgebung gestört. Ein Revolutionär namens Romanow – er heißt wie der Zar – beschimpft dessen Kuriere. Sein Genosse Krasnow schwenkt die rote Fahne. Tumult! Ein Mob attackiert die Roten. Die flüchten, verletzt, ins Krankenhaus. Die Verfolger ermorden den Arzt Wosnetschnikow und seine beiden Schützlinge.

© S. Fischer

Zwölf Jahre später siegt die Oktoberrevolution der Bolschewiki. Jetzt geht’s andersrum. Der Märtyrer Krasnow bekommt in Gorbatow ein Denkmal, die Mörder stehen vor Gericht. Hohe Lagerstrafen, ein Todesurteil. Es trifft den einstigen Stadtkämmerer Kusnezow. Dessen Sohn Alexander verliebt sich in die Opfertochter Jelena Krasnowa. Sie ist die Epochenzeugin dieses Romans, seit dem orakelhaften Mord von 1905: "Es war der Moment, in dem eine neue Zeit anbrach. Sie rollte an wie eine dunkle, wütende Welle und riss sie alle mit. (...) Am heftigsten aber traf sie Jelena, Lena, Lenotschka. Die Welle trug sie durch ein ganzes Jahrhundert, Jelena ritt ganz oben, dort, wo der Schaum war."

Alexander Osang, geboren 1962, hat bisweilen einen Hang zum melodramatischen Pomp. Andererseits ist er Spiegel-Reporter und weiß zu erzählen, mit besonderer Begabung für visuelle Interieurs. Die Leben der Elena Silber ist im Kern die Geschichte seiner Familie. Deren Erforschung unternimmt im Roman der Berliner Dokumentarfilmer Konstantin, geboren 1973. Eigentlich will er einen exjugoslawischen Tennisspieler porträtieren. Das Projekt stockt. Konstantin, Typ halb verbummelter Träumer, ergibt sich dem Druck seiner autoritären Mutter und dem Sog der Silber-Sage.

Jelena Krasnowa hat nämlich einen Deutschen geheiratet. Der Ingenieur Robert Silber kommt in Lenins riesiges Entwicklungsland, um beim Industrieaufbau zu helfen. Der erste Beischlaf erfolgt am 21. Januar 1924, Lenins Todestag. 1936 kehrt Silber zurück ins nunmehr nazistische Deutschland, begleitet von Elena, wie Konstantins spätere Großmutter mittlerweile heißt. Die Silber-Sippe siedelt im schlesischen Sorau (heute Żary in Westpolen) und besitzt dort eine Textilfabrik. Elena bleibt fremd, doch sie gebiert fünf Töchter. Anna, die jüngste, stirbt als Kleinkind auf der Flucht vor der Roten Armee 1944. Robert Silber kommt mysteriös abhanden. Die Restfamilie verschlägt es in die DDR. Lara, die älteste Tochter, wird Lehrerin; sie nimmt sich 1986 das Leben. Der Gärtnerin Katarina begegnen wir in West-Berlin. Die Ärztin Vera kreist als lunatische Erscheinung um die Künstlerwelt. Maria, Konstantins Mutter, ist Fotografin; der Leser lernt sie fürchten. Die Schreckschraube steckt ihren Gatten Claus ins Pflegeheim, wegen beginnender Demenz. Konstantin hält die Verbindung, er kann die väterlichen Assoziationsknäuel noch entwirren. Im Vater radikalisiert sich das Zentralmotiv des Buchs: "Die Menschen erinnern sich nur an das, was in ihre Lebensgeschichte passt."

Der preisgekrönte Reporter Alexander Osang war ein meisterlicher Porträtist der ostdeutschen Transformationsgesellschaft. Er wollte mehr – thematisch und literarisch. Osangs erster Roman Die Nachrichten erzählte von der schwierigen Ankunft eines ostdeutschen Journalisten in der Hamburger Medienwelt. Als das Buch 2000 erschien, lebte Osang als Spiegel-Korrespondent in New York. 2006 kehrte er nach Berlin zurück. Seit 2018 arbeitet er in Tel Aviv, wie seine Frau Anja Reich, die für die Berliner Zeitung berichtet. Osangs Prosa verschneidet Kollektiv- und Individualgeschichte. Dank transnationaler Perspektive vermeidet er die so beliebte Synchronisierung von deutscher Chronik und Biografie.

Konstantins russische Recherchen wirken dicht; sie sind erlebt. Konstantins Eltern hat Osang erfunden, ansonsten war sein Personal familiär vorgegeben. Literarisch erscheinen etliche Randfiguren so überflüssig wie manche Wiederholung. Die Sprache unterfordert mitunter den Stoff; sie bleibt bezeichnend und schlicht, besonders in der fluffigen Erzählung des Konstantin, dessen Vagheit sich auf andere Gestalten überträgt.

Unentschieden scheint das Wesen der Geschichte. Sie beginnt lange vor unserer Geburt. Sie stößt uns zu, während wir zu handeln meinen. Warum? Darauf gibt es keine Antwort jenseits der Geschichte, die uns prägt. Unsere Heimat ist unsere Zeit. Alexander Osang hat die seine weiträumig aufgeschrieben, warm und lebendig zu lesen, ohne Finale. Die Pointe steht am Anfang.

Alexander Osang: Die Leben der Elena Silber. Roman; S. Fischer, Frankfurt am Main 2019; 624 S., 24,– €, E-Book 19,99 €