Der Vater ist die prägende Gestalt im Leben von Helene Klaar, immer wieder kommt sie auf ihn zu sprechen. 1948, als sie geboren wird, ist er gerade aus der Emigration zurück nach Wien gekehrt. Dem jüdischen Rechtsanwalt war 1938 die Berufserlaubnis entzogen worden, nur durch Zufall konnte er Verhaftung und Konzentrationslager entkommen und, getarnt als Kochlehrling, über England in die USA flüchten. Wohl der Liebe zu Klaars Mutter wegen – die als "Mischling" den Nationalsozialismus in Wien überlebt hatte – folgte er nach dem Krieg der Aufforderung des parteifreien Justizministers Josef Gerö an jüdische Juristen, nach Österreich zurückzukehren. Dass von der SPÖ nie eine solche Einladung kam, ja nicht einmal die Bitte, wieder in die Partei einzutreten, schmerzte den überzeugten Sozialdemokraten. Das nimmt auch Helene Klaar der SPÖ noch merklich übel.

Klaar blieb das einzige Kind der Schoa-bedingt vergleichsweise älteren Eltern: "Ich war ihr Ein und Alles, ich war der Erfolg." Das Alter habe der Vater aber "immer als Makel empfunden". Sein Spruch: "Bedank dich beim Herrn Führer."

"Für Männer ist die Scheidung ein finanzielles Problem. Für Frauen ein existenzielles."
Helene Klar

So geliebt und behütet die Tochter aufwuchs, so wenig wurde ihr die Realität vorenthalten. "Mein Vater hat sich immer sehr der Wahrheit verpflichtet gefühlt. Und er hatte die Neigung, über unangenehme Dinge zu sprechen." Klaar erinnert sich an die häufige Aufregung beim Abendessen über politische Geschehnisse, über antisemitische Sprüche und "alte Nazis", die dem Vater bei Gericht begegneten, oder über den Herrn in der Straßenbahn, dem der Vater schließlich zurief: "Was schauen S’ mich so deppat an, ham S’ scho lang kan Juden mehr g’sehn?"

"Mein Vater war mein Held", sagt Klaar. "Aber ich hab mehr von der mütterlichen Ängstlichkeit mitbekommen. Ich suche Streit in dieser Weise nicht, auch nicht als Anwalt."

Klaar ist bekannt dafür, von der Trennung abzuraten, jedenfalls von einer überstürzten. "Für Männer ist die Scheidung ein finanzielles Problem. Für Frauen ein existenzielles", so die Losung. Auch den Männern, die Klaar vertritt, predigt sie: Um sich scheiden zu lassen, müsse das Leiden schon so groß sein wie ein Zahnweh, bei dem man es keine Sekunde länger im Wartezimmer aushalte.

Fast jede zweite Ehe wird geschieden

Dabei wird fast jede zweite Ehe in Österreich geschieden. Ehekriege, Rachegelüste, tiefe Enttäuschungen sind Klaars tägliches Brot. Und doch rät sie von der Ehe nicht ab, im Gegenteil. "Die meisten Menschen leben nicht gern allein. Und wenn man mit jemand anderem leben will, ist es schon gut, wenn es fixe Regeln gibt."

Die hohe Trennungsrate hat aus ihrer Sicht weniger mit verklärten Erwartungen zu tun denn mit den gesellschaftlichen Umständen. Etwa die 40-Stunden-Woche, neben der Kinder zum Sport gebracht, Essen frisch gekocht, Wäsche gewaschen und dann noch die Beziehung gelebt werden sollte: "Das geht sich halt alles nicht aus. Die Frauen fühlen sich nicht zu Unrecht im Stich gelassen. Und die Männer haben statt einer Sexbombe eine unzufriedene, keifende Alte." Der häufigste Scheidungsgrund: eindeutig das zweite Kind, so Klaar. "Das ist eine Belastung, der besonders die Männer nicht standhalten. Die Frauen fragt halt keiner. Es geht selten eine Frau von der Familie weg, weil sie das zweite Kind nicht mehr aushält."

Klaar hat selbst zwei Söhne und beruflich nie zurückgesteckt, gerade die Jahre nach der Geburt des zweiten waren schwierig. Aber ihre Ehe hält, seit mehr als 40 Jahren. Am Hochzeitstag, darauf legt ihr Mann, der Politologe Johann Dvorák, Wert, geht das Paar stets miteinander aus. Die Geschichten von Gatten, die neidisch sind auf Erfolge ihrer Frauen, kennt Klaar nur von Klientinnen, ebenso wie jene Typen, die in ihrer Frau eine Haushälterin sehen. Klaar rechnet es ihrem Mann hoch an, dass er "besonders für die damalige Zeit wirklich überdurchschnittlich engagiert war". Dennoch, "auch wenn er es nicht gerne hört: Er hat getan, was er konnte, und ich hab getan, was geschehen musste."

Plötzlich lacht Helene Klaar einmal wirklich auf. "Ich bin ein Vaterkind, glücklich verheiratet, finde meine Söhne toll, habe einen wunderbaren Kanzleipartner. Dafür, dass ich als Männerhasserin gelte, komm ich mit Männern ganz gut aus", sagt sie. Ihr Ruf, der liege vielleicht nicht an ihr.