Viele Jahre lang haben Ureinwohner in aller Welt auf diesen Moment gewartet. Nicht nur das Volk der Algonkin, für das ich spreche, sondern auch die Mohawk, die Maori, die Maya und andere. Sie alle glauben an eine ähnliche Prophezeiung: Eines Tages wird der weiße Mann in Schwierigkeiten geraten und an unsere Tür klopfen. Er wird uns bitten, nachdem seine eigene Welt aus dem Gleichgewicht geraten ist, ihm unsere Weltsicht zu erklären, unsere Beziehung zu Erde und Kosmos. Danach kommt die Zeit der Versöhnung zwischen den Völkern. Und wenn der weiße Mann die richtigen Entscheidungen trifft, kommt auch eine Renaissance.

Worin besteht nun aber das verlorene Gleichgewicht? Ich berichte, was man mich gelehrt hat: Vor zwölf Jahren stellten die Ältesten der Algonkin mein Leben auf den Kopf, indem sie mir eine Pfeife übereigneten. Es war ein Zeichen der Anerkennung, vor allem aber eine Verpflichtung: von nun an Bewahrerin heiliger Gegenstände zu sein. Sollten Sie je Gelegenheit haben, an einer unserer religiösen Zeremonien teilzunehmen, werden Sie sehen, dass die Pfeifen aus zwei Teilen bestehen: Stein und Stock, die den weiblichen und den männlichen Aspekt des Seins symbolisieren. In der Zeremonie fügen wir beide Teile zusammen, vollziehen so die Schöpfung nach.

Wir verbinden, was geteilt wurde. Wir vereinen, was in den Herzen der Menschen als Gegensatz empfunden wird und zugleich Ursprung allen Werdens ist. Beide Teile wohnen ja in jedem von uns. Einerseits: unsere Logik, unsere Tatkraft, unsere Wissbegier und unser Entdeckergeist – all das, was wir "männlich" nennen. Andererseits: unsere Intuition, unsere Empfindsamkeit, unser Gemeinschaftsgeist und unsere Fähigkeit zum Gebet – all das, was wir "weiblich" nennen. Wir glauben: Ersteres ist dem Kosmos verbunden, Letzteres der Erde verhaftet.

Was die weisen Männer und Frauen der First Nations seit Ewigkeiten prophezeit haben, ist Folgendes: Die Menschheit ist in Gefahr, sich selbst zu verlieren, wo sie nicht beide Pole gleichermaßen schätzt. Alle Zivilisationen, die gute Verbindung zum "Weiblichen" halten, neigen nicht zur Zerstörung ihrer Lebenswelt, der Erde.

Nun braucht diese Erde tatsächlich unsere Hilfe, um weiter zu existieren. Die Beweise sind eindeutig: Es ist dringend und zwingend nötig, dass wir etwas zu ihrem Erhalt unternehmen. Doch was? Ja, jetzt stellen Sie Ihr Wissen und Ihre Wissenschaft in den Dienst einer "nachhaltigen Entwicklung". Aber aus Sicht der Ureinwohner genügt das nicht. Wir sehen die Klimakrise als bloßes Spiegelbild einer Krise in den Herzen und Köpfen. Da muss sich etwas verändern. Nicht nur äußerlich! Sonst wiederholen wir die immer gleichen Fehler. Entscheidend sein wird unser Miteinander. Hier können spirituelle Lehrer helfen, Hand in Hand mit Ökonomen, Wissenschaftlern und Intellektuellen.

Wir Völker der First Nations wissen, dass Sie, die Männer und Frauen der modernen Welt, müde sind. Wir spüren, dass das irre Wettrennen, in dem wir alle miteinander gefangen sind, auch Sie selbst erschöpft, ja quält. Ich frage mich: Schöpfen Sie eigentlich Ihre Kraft aus? Und wenn Sie Ihre Reserven ständig erschöpfen, was haben Sie am Ende zu geben? Was lehren Sie auf diese Weise Ihre Kinder? Ich fürchte: Das Sicherschöpfen ist schöpfungsfeindlich, ist auch eine Art der Verunreinigung, über die wir reden müssen.

Kürzlich hörte ich im Radio eine alte Frau erzählen, wie sie den Zweiten Weltkrieg in Frankreich überlebt hat. Am meisten beeindruckte mich, dass trotz der Schrecken der Besatzung die jungen Leute damals – so sagte sie – von unbändiger Hoffnung erfüllt waren. Heute dagegen höre ich, dass unter jungen Menschen Hoffnungslosigkeit wächst, weil die Zukunft so ungewiss ist. Wenn es jedoch etwas gibt, zu dem wir Alten, zu dem insbesondere die Religionsführer beitragen müssen, dann ist es die Bewahrung und Verbreitung von Hoffnung. Wir haben kein Recht, das Hoffen aufzugeben. Darin vor allem besteht unsere Sendung: unsere Pflicht gegenüber den kommenden Generationen.

Wir drucken eine leicht gekürzte Rede, die Marie-Josée Tardif kürzlich in New York bei "Religions for Peace", dem Welttreffen der Religionsführer, hielt.

Dominique Rankin und Marie-Josée Tardif schrieben über das Schicksal des Häuptlings das Buch "They Called Us Savages", das im März beim kanadischen Verlag Les Éditions des Plaines auf Englisch erscheint.