Die beste aller schlechten Nachrichten: Wir befinden uns nicht im Juli 1914, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Damals wollten alle Mächte den Krieg; heute will ihn niemand. Alle haben Rechnungen zu begleichen, die Amerikaner schon seit 1979, als die frommen Revolutionäre "Marg bar Amrika!" zu brüllen begannen, Tod dem Großen Satan! Seitdem herrscht ein unerklärter Krieg zwischen der Super- und der Regionalmacht. Aber "all in" wie 1914 steht nicht im Programm. Davor warnt die "Korrelation der Kräfte", wie die Sowjets zu sagen pflegten.

Auf dem Weg zur Vorherrschaft hat sich der Iran die Feindschaft der gesamten Nachbarschaft (bis auf Katar) zugezogen, Israel und die Saudis in eine stille Allianz getrieben. Der Iran steht allein da. Russland wird ihm nicht helfen, sieht doch Putin in Teheran einen Rivalen, der sich in der Levante festgesetzt hat. In Ankara gehorcht Erdoğan der gleichen imperialen Logik. Nicht einmal die Iraker, die nun den USA den Rauswurf androhen, wollen zum Anhängsel des historischen Widersachers nebenan werden. Das Parlament hat wohlweislich keinen bindenden Beschluss verabschiedet. Denn ohne die US-Präsenz hätte Bagdad wieder den IS am Hals.

Das Mittel der Wahl: Sich verrückt gerieren – aber nicht blöd agieren

Ja, aber ... In Mittelost regiere doch der Wahnsinn. Dagegen steht der sarkastische Spruch: "Ich bin zwar verrückt, aber nicht blöd." Die verbale Eskalation – Trump vs. Religionsführer Chamenei – ist nach oben offen. Gegen die beiden war Wilhelm Zwo ein Staatsmann. Freilich konnte sich niemand 1914 die Katastrophe von 1918 ausmalen, derweil die beiden Einpeitscher sehr wohl den Horror bemessen können.

Gewiss kann der Iran sehr begrenzt oder "asymmetrisch" zuschlagen, wie vergangene Nacht geschehen, als das Regime zwei US-Stützpunkte im Irak mit Raketen angriff. Die Regierung kann weiter US-Truppen im Irak oder Tanker im Golf angreifen, seine Hisbollah-Hilfstruppe im Libanon auf den "Kleinen Satan" Israel hetzen. Nur, wer hat hier die "Eskalationsdominanz" – wer kann in der nächsten Runde einen drauflegen?

Das Revolutionsregime darf sich nicht darauf verlassen, dass Trump zurückzuckt, um Amerikas "endlose Kriege" in Mittelost zu beenden. So bizarr auch sein Twitter-Getrommel ist, er behält bei der Eskalation die Oberhand. Er kann die iranische Flotte im Golf zerstören, dann Raketenbasen, dann Stützpunkte und Befehlszentralen, schließlich die Wirtschaft, die 2019 um zehn Prozent geschrumpft ist. Der Iran kann es ihm nicht in gleicher Münze heimzahlen; es fehlt die strategische Reichweite. Amerika hat Basen ringsum, der Iran hat keine auf Kuba.

Sind die Mullahs "verrückt"? Jenseits ihrer fantasievollen Rhetorik, die sogar Trump beschämt, haben sie den USA nur fein kalibrierte Nadelstiche versetzt, um ja keinen Tobsuchtsanfall zu provozieren. Etwa als sie letztes Jahr saudische Ölfelder attackierten. Die Iraner hätten ein Inferno entfesseln können, doch war der Schlag nur symbolisch. Sie haben nie US-Truppen direkt angegriffen; das überließen sie ihren Hilfs-Sheriffs im Irak und in Syrien. Hören wir auf Chameneis Top-Militärberater: "Wir haben nie einen Krieg gesucht und werden es auch nicht tun."

Hisbollah gegen Israel von der Leine lassen, um Kassem Soleimani zu rächen? Die Israelis haben längst eine Abschreckungskulisse aufgebaut, indem sie seit Monaten iranische Ziele in Syrien und im Irak bombardieren. Der Iran will Tel Aviv auslöschen? Tödliche Vergeltung kann Israel auch ohne Atombomben üben. Die neuen Freunde in Riad würden Israels Luftwaffe Überflug- und Auftankrechte gewähren.

Sich verrückt gerieren, aber nicht blöd agieren ist auch heute die beste aller möglichen Welten. Die Europäer stecken wie üblich in der Klemme. Sie müssen deeskalieren und Mäßigung predigen. Nur reichen Worte nicht aus, wo die Waffen klirren. Sie können nicht die Schifffahrt im Golf sichern; Deutschland dünnt bereits seine Bundeswehr-Hundertschaft im Irak aus. Neutralität aber versagt, wo Teheran wieder offen zur Bombe greift, indem es die Uran-Anreicherung hochfährt. Trump hin oder her, es ist im europäischen Interesse, dem Regime den Preis verschärfter Sanktionen zu zeigen.

Eingekreist

US-Stützpunkte in der Krisenregion

© ZEIT-Grafik

Einfach weil die iranische Bombe mit einem Schlag die Logik über den Haufen werfen würde, die bislang allen Staaten Besonnenheit aufgezwungen hat. Ein Lichtblick bleibt. Teheran bastelt seit Schahs Zeiten, seit fünfzig Jahren, an der Bombe. Vielleicht begreifen die Chameiniisten, dass eine potenzielle Bombe den nationalen Interessen besser dient als eine echte, die eine existenzielle Bedrohung heraufbeschwört.