Vielleicht sollte man sich doch einmal in das Jahr 2030 versetzen. Wie würde die Bilanz der dann zu Ende gehenden Zwanzigerjahre ausfallen? Jedenfalls wäre das Ergebnis deutlich aufregender, als es bei einem heutigen Rückblick auf die letzte Dekade ist. Während die Welt von 2020 ja doch im Wesentlichen noch die gleiche ist wie jene von 2010, stehen nun Veränderungen bevor, die den Alltag, die Lebensweise und das Wirtschaftssystem ziemlich gründlich umkrempeln werden. Die meisten dieser Veränderungen müssen und werden Menschen selbst vornehmen, der Wandel bricht nicht einfach so über sie herein. Doch welche Initiativen die Gesellschaft in den nächsten Jahren unternimmt, welchen Weg sie einschlägt, entscheidet über ihre Zukunft.

Diese etwas pathetisch klingende Schlussfolgerung ergibt sich aus der Arena Analyse 2020 – Wir wissen, was wir tun. Diese Studie, die auf Expertenbefragungen beruht, wird seit 2006 jedes Jahr vom Wiener Beratungsunternehmen Kovar & Partners in Zusammenarbeit mit der ZEIT und der Tageszeitung Der Standard durchgeführt. Ziel ist es, zukünftige Trends aufzuspüren und ihre Hintergründe auszuleuchten. Dafür wurden 48 Tiefeninterviews und schriftliche Beiträge von Expertinnen und Experten ausgewertet.

Der Titel der Studie spielt darauf an, dass Österreich und Europa keineswegs auf ein unbekanntes Morgen zusteuern. Was dem Kontinent und der gesamten Welt bevorsteht, ist seit Langem bekannt .Niemand kann behaupten, dass ihn die nächsten Jahre unvorbereitet treffen. Der Klimawandel und die Digitalisierung, besser: die Daten-Wirtschaft, werden die großen Treiber dieses Wandels sein. Man weiß um die Herausforderungen, die sich daraus ergeben.

Trotzdem bleibt derzeit die Beschäftigung damit immer noch ein wenig abstrakt: ein bisschen ungläubiges Kopfschütteln angesichts der Macht der Cyber-Monopolisten, ein gelegentliches Seufzen über schneelose Winter und sommerliche Hitzewellen. Jetzt plötzlich haben beide Phänomene eine Eskalationsstufe erreicht, die zum Handeln zwingt. Und zwar im doppelten Sinn: Jeder und jede einzelne wird sein persönliches Alltagsverhalten ändern, ob es ihm passt oder nicht. Und die Politik kommt immer stärker unter Zugzwang, weil die Bürger und Bürgerinnen verlangen, dass neue Gesetze sie unterstützen. Schließlich kann sowohl der Wandel zu einer klimaneutralen Wirtschaft als auch die Zähmung der Big-Data-Giganten nur gelingen, wenn alle dazu verpflichtet werden, am selben Strang zu ziehen. In den Zwanzigerjahren wird daher auch der Ruf nach dem Primat der Politik, nach einem starken Staat oder einer starken Staatengemeinschaft immer lauter erschallen.

Beim Kampf gegen die Hitze, nämlich die Erderwärmung, ist genau das bereits passiert. Es war der Druck aus der Bevölkerung, die durchgehende Popularität der Fridays-for-Future-Bewegung, die den Green Deal der EU überhaupt möglich machten. "Wir haben euch verstanden!", erklärte denn auch Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bei der Präsentation eines Plans, der zwar von vielen als wenig ambitioniert kritisiert wurde, der aber trotzdem sämtliche Mitgliedsstaaten ins Grübeln bringt, wie sie die beschlossene Reduktion der Treibhausgase bis 2030 hinkriegen sollen.

Als Optimist will man einmal annehmen, dass die Übung gelingen wird. Wenn man also erneut in Gedanken ins Jahr 2030 springt – wie sieht das Europa dann aus, in dem man landet? Von den Veränderungen im Sektor Industrie und Energie, dem Treibhausgasverursacher Nummer eins, wird man wenig bemerken, höchstens dass die Zahl der Windräder und der Photovoltaik-Dächer stark zugenommen hat. Im Westen Österreichs fällt am Landschaftsbild auf, dass die meisten Skipisten unterhalb von 1500 Metern aufgeforstet wurden und jetzt von jungen Laubbäumen bedeckt sind – offensichtlich erwartet niemand, dass dort so bald wieder Schnee fallen wird.

Würste und Burger werden aus veganen Ersatzstoffen hergestellt

Die CO₂-Einsparungen beim Verkehr mussten durch radikale Schritte erzwungen werden. In den Städten fahren 2030 kaum noch Autos, weil die Mautgebühren so hoch sind. Man kommt auch wegen der vielen Radwege und Begegnungszonen kaum noch voran, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln geht es wesentlich leichter und schneller. Abseits der Bus- und Tramlinien stehen überall kleine zwei- oder vierrädrige E-Fahrzeuge herum, die um wenig Geld benutzt werden können. Auch draußen in den Dörfern hat der Autoverkehr stark abgenommen, seit es üblich geworden ist, über Online-Plattformen überall kurzfristig Fahrgemeinschaften zu organisieren, die mit geförderten E-Minivans abgewickelt werden. Für Lkw und Busse wurden auf den Autobahnen durchgehend Oberleitungen errichtet. Auf Landstraßen dürfen Großfahrzeuge weiterhin Biodiesel benutzen, solange die Wasserstoff-Technologie auf sich warten lässt.

Auffällig in allen großen und kleinen Städten: Wo noch 2020 Fahrzeuge parkten, stehen jetzt Bäume. Nicht nur wegen der CO₂-Gesamtbilanz, sondern auch zur Kühlung in den heißen Sommern. Denn mit dem Eindämmen des Klimawandels ist nur die Hälfte der notwendigen Anpassungen bewältigt. Teil zwei muss sich mit der Art und Weise beschäftigen, wie man in einer erwärmten Welt lebt – auch wenn die Erwärmung dank aller Anstrengungen nur 1,5 Grad und nicht 4 Grad beträgt. Künstliche Kühlung wird in Wohnungen und Büros schon 2030 ebenso selbstverständlich sein wie eine Heizung. Allerdings müssen dafür neue Lösungen gefunden werden, denn die althergebrachten Klimaanlagen fressen Strom und heizen durch ihre Abwärme die Straßen zusätzlich auf. Fernkälte ist ein erster Schritt zu einer besseren Lösung, langfristig aber lautet das Ziel, Wohnungen so zu bauen und zu dämmen, dass die gewünschte Raumtemperatur mit einem Minimum an Energie erreicht werden kann. Im Hinblick auf den Green Deal wurden im Laufe der Zwanzigerjahre fast alle mit fossilem Brennstoff arbeitenden Heizungen ausgetauscht.