Mehr Zukunft auf den Acker – Seite 1

Wie muss eine Landwirtschaft aussehen, die nicht nur das Überleben der heutigen Menschheit sichert, sondern auch das aller kommenden Generationen? Wer das in Deutschland Agrarwissenschaftler und Agrartechniker fragt, wer mit Landwirtschaftslehrern und Landwirten spricht, wer sich auf Messen umsieht und Modellprojekte besichtigt, dem zeigt sich ein Bild, das sich deutlich von der Gegenwart unterscheidet. Und mit diesem Bild wächst die Erkenntnis: Der dafür notwendige Wandel scheint utopisch zu sein – und ist dennoch unausweichlich.

Um die Landwirtschaft der Zukunft wird hierzulande heftig gestritten. Im Vorfeld der Grünen Woche traditionell besonders heftig. Am 18. Januar werden in Berlin die Kritiker der bisherigen Agrarpolitik – "Wir haben es satt" – erneut auf die Straße gehen. Ihre ungeduldig formulierte Forderung: "Macht endlich eine Politik, die uns eine Zukunft gibt!"

Die Bauern protestieren seit Monaten: gegen die Verschärfung von Umweltauflagen und schon kleinste Änderungen der Subventionspolitik. Sie tun dies mit Trecker-Demos in Berlin, Bonn oder Hamburg. Auch wenn bei ihren Demonstrationen teure Großtraktoren den Eindruck von Wohlstand vermitteln, viele Bauern sorgen sich zu Recht um den Fortbestand ihrer Höfe und fordern eine Politik, die ihnen eine Zukunft lässt.

Die Fronten scheinen verhärtet zu sein. Doch jenseits der öffentlichen Debatte erproben Landwirte gemeinsam mit Umwelt- und Tierschützern neue Anbaumethoden und Formen der Tierhaltung, etwa im Projekt F.R.A.N.Z. der Umweltstiftung Michael Otto. Mitglieder der Deutschen Agrarforschungsallianz (DAFA) suchen nach "Zielbildern für die Landwirtschaft 2049". Die Politik entwirft – zaghaft noch – Pläne für eine nachhaltige Landwirtschaft, wie das im Dezember von der zuständigen Ministerin Julia Klöckner vorgestellte Diskussionspapier zur "Ackerbaustrategie 2035".

"Die Landwirtschaft der Zukunft arbeitet mit geschlossenen Stoffkreisläufen, hat einen engen regionalen Bezug, hält weniger Tiere und diese ohne Antibiotika und in viel besseren Ställen, schützt die Biodiversität und das Klima", schreiben die Forscher der DAFA. Praktisch und technisch – das ist die gute Nachricht – ist nichts an dem von den Experten skizzierten Bild künftiger Landwirtschaft eine Utopie.

Die Bauerninitiative "Land schafft Verbindung", die hinter den Trecker-Demos steht, wähnt das Ziel offenbar schon in greifbarer Nähe: "Wir Landwirte stehen für Insekten- und Naturschutz, für sauberes Grundwasser und gesunde Lebensmittel, für eine klimaschonende Landwirtschaft und Tierwohl in unseren Ställen." Glaubt man den protestierenden Bauern, ist die Frage also eher: Wie viel? Wie viel Insekten-, Natur- und Klimaschutz ist nötig? Wie viel Tierwohl ist möglich? Und vor allem: Wer bezahlt das alles?

Die Rechnung geht für Landwirte wie für Konsumenten längst nicht mehr auf. EU-Subventionen von fast 60 Milliarden Euro jährlich machen Europas Nahrungsmittel billiger, aber ihre Herstellung nicht wirklich nachhaltiger. Die wahren ökologischen und sozialen Kosten für sein Essen zahlt kein Konsument an der Supermarktkasse. Umgekehrt fällt für viele Landwirte ihre ökonomische Bilanz verheerend aus. Wie also sollen sie neben Weizenanbau, Schweinemast oder Milchproduktion noch in Umwelt- oder Tierschutz investieren?

Klar ist: Der Wandel kostet Geld, wenn er keine Existenzen kosten soll. Ob er gelingt, ist also im Kern eine politische Frage.

Deshalb gibt es unter den Agrarexperten auch skeptische Stimmen. Denn das eigentlich Utopische an den Regeln für eine nachhaltige und auskömmliche Landwirtschaft ist die dafür notwendige Politik. Erste Schritte dazu können zwar national gegangen werden, doch zum Ziel wird der Weg nur führen, wenn auch internationale Verträge und Handelsabkommen konsequent auf den Schutz von Klima, Wasser, Boden, Luft, Artenvielfalt und Tierwohl ausgerichtet sind.

Die Agrarpolitik der Gegenwart versucht, nationale Interessen mit kleinteiligen Reparaturprozessen zu verbinden. Sie ist auf akuten Ausgleich bedacht und führt daher auf lange Sicht oft in die Irre. Was aber, wenn Politik nicht nur den nächsten Schritt, sondern das ferne Ziel in den Blick nähme – und dann ihre Schritte konsequent daraufhin prüfen würde, ob sie zu diesem Ziel führen? Wenn sie im Ansatz utopisch wäre, im Kern aber pragmatisch?

Die Landwirtschaft der Zukunft, darin sind sich die Experten einig, wird viele Werkzeuge brauchen: neue Züchtungen für dürre Felder, neue Maschinen für Aussaat und Ernte, neue Medikamente für Nutztiere. Sie wird in Indien oder Kenia anders aussehen als in Deutschland. Sie wird in Bayern anders aussehen als in Schleswig-Holstein. Vor allem aber muss sie klaren, sehr pragmatischen Regeln folgen, die schon jetzt politisches Programm werden sollten. Einen Entwurf dazu, das Ergebnis vieler Expertengespräche und intensiver Beobachtungen, finden Sie auf den nächsten Seiten.

Vier Strategien für eine Agrarwende

Wie viel Natur kann sich die Landwirtschaft leisten? © Illustration: DAQ für DIE ZEIT

Ackerbau: Vielfältig und regional

Die Menschheit wächst weiter, nach Schätzungen der Vereinten Nationen von heute 7,7 Milliarden Menschen auf 9,7 Milliarden im Jahr 2050. Mehr Menschen brauchen mehr Nahrung. Aber nur ein Drittel der weltweiten Agrarfläche ist Ackerland. Und wiederum nur ein Drittel davon nutzen wir zum Anbau von Nahrungsmitteln. Jedes Jahr gehen zudem nahezu zwölf Millionen Hektar Anbaufläche verloren. Böden vertrocknen, versalzen oder verschwinden unter Straßen und Städten. Darum muss es in Zukunft heißen: Auf fruchtbarem Boden wird nur noch Nahrung für Menschen angebaut. Tierfutter oder Energie gewinnen wir von Wiesen und Weiden, aus Reststoffen und Abfällen.

Etwa 6000 Pflanzenarten hat der Mensch für seine Ernährung kultiviert. Doch nur neun von ihnen liefern heute zwei Drittel der globalen Ernte. Diese Konzentration hat die genetischen Ressourcen verarmen und regionales Wissen in Vergessenheit geraten lassen. In der Landwirtschaft von morgen gibt es darum weite Fruchtfolgen, die auf die jeweiligen Böden abgestimmt werden. Regionale Traditionen werden mit modernen Anbaumethoden verknüpft.

Auch die Pflanzenzüchter müssen umsteuern. Sie haben lange Zeit vor allem auf immer höhere Erträge gesetzt. Landwirtschaftliche Produkte mussten zudem für die industrielle Verarbeitung tauglich sein. Künftig jedoch werden Landwirte stärker schädlings- oder dürreresistente Sorten nachfragen. Die Nationale Akademie der Wissenschaften, Leopoldina, setzt auf neue Züchtungstechniken. Mithilfe präziser genetischer Methoden könnten alte, bisher wenig ertragreiche Sorten attraktiv und die neuen Hochleistungssorten widerstandsfähiger werden.

"Pflanzenschutz – Abschied von der Chemie?", fragt die aktuelle Ausgabe der DLG-Mitteilungen. Die Akzeptanz der Agrarchemikalien schwindet, das diagnostiziert auch die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft, der zweitgrößte Zusammenschluss deutscher Landwirte. Debatten um Rückstände in der Nahrung, um gesundheitliche Folgen oder um Resistenzbildung in der Natur zeigen die Grenzen des Chemie-Einsatzes. Darum muss die Vielfalt der Methoden im Pflanzenschutz zunehmen. Mit Datenanalysen und Schadensvorhersagen wollen Anbieter von Agrarchemikalien wie BASF oder Bayer den Einsatz der Chemie reduzieren. Agrartechnikhersteller setzen vermehrt auf mechanische Verfahren der Unkrautbekämpfung: Hacken, Fräsen oder Striegel werden in Zukunft per digitaler Bilderkennung präzise zwischen den Pflanzenreihen geführt.

Konventionell arbeitende Landwirte wie Jochen Hartmann aus Rettmer bei Lüneburg erproben derweil im F.R.A.N.Z.-Projekt die biologische Schutzwirkung von Untersaaten. Weißklee oder Rotklee bedecken und düngen den Boden. Auch der Anbau von Mischfrüchten stärkt den biologischen Pflanzenschutz. Dass Pflanzen sich gegenseitig vor Schädlingen bewahren können, wussten schon unsere Großeltern, als sie Zwiebeln zwischen die Karottenreihen setzten.

Wissenschaftler am Salk-Institut in Kalifornien arbeiten an Varianten von Kulturpflanzen, die besonders viel Kohlenstoff in ihren Wurzeln einlagern. Die Idee: Landwirtschaft muss ihr enormes Potenzial nutzen, CO₂ zu binden. Es ist denkbar, dass Landwirte künftig für die Produktion von Humus, dem wertvollen organischen Teil des Bodens, bezahlt werden.

Zur schlechten CO₂-Bilanz der deutschen Landwirtschaft haben historische Fehler der Agrarpolitik beigetragen. Um Ackerland oder Torf zu gewinnen, wurden über Jahrhunderte 95 Prozent der deutschen Moorgebiete und damit wertvolle Kohlenstoffspeicher zerstört. Deshalb schlagen nicht nur Umweltschützer, sondern ebenso die Agrarforscher der DAFA vor, die Moore Deutschlands wieder zu vernässen und unter Schutz zu stellen – auch zur Bereicherung der Artenvielfalt.

Mit Vielfalt konnte die Agrarpolitik vergangener Jahrzehnte wenig anfangen, sie wollte Masse. Um große Maschinen einsetzen zu können, wurden Felder zusammengelegt, Wege und Gräben begradigt, Bäume und Hecken beseitigt. Es entstanden monotone Landschaften mit großflächigen Äckern, die Wind und Unwetter schutzlos ausgeliefert sind. Gleich zwei Faktoren treiben nun eine allmähliche Gegenbewegung: Autonome Fahrzeuge können auch kleine Flächen effizient bearbeiten. Eine digital organisierte Umkehr der Flurbereinigungen wird denkbar. Und zwischen gut komponierten Feldstreifenmustern dürfen wieder Sträucher und Bäume wachsen. Die Agrarlandschaft wird also struktur- und artenreicher. Gehölze zwischen Feldstreifen schützen den Boden vor Erosion und Wasserverlusten.

Agrarproduktion und Konsum sind in Zukunft weitgehend regionalisiert

Weil die Politik bisher vor allem Anbaufläche subventioniert und ökonomisch fast nur der Ertrag zählt, bestellen Bauern heute jeden verfügbaren Quadratmeter. Eine neue Subventionspolitik muss deshalb auch Feldränder und Grünstreifen, Gräben und Bachläufe fördern. Sie werden zu vernetzten Biotopen und neuen Lebensräumen. Der Erholungswert der Landschaft steigt damit. Gleichzeitig rückt die landwirtschaftliche Produktion näher an die Städte. Produktion und Konsum landwirtschaftlicher Produkte sind in Zukunft weitgehend regionalisiert. Urban Farming verkürzt die Transportwege, bringt frische Ware auf die Tische und vermittelt, wenn in Grünanlagen Beeren und Kohlköpfe gedeihen wie beim Modellprojekt der "Essbaren Stadt Andernach", auch landwirtschaftsfernen Städtern, wie Lebensmittel wachsen.

Konsum: Bewusster, direkter und gesünder

Für den Käufer im Supermarkt ist heute oft nicht erkennbar: Wo kommt das Produkt her? Unter welchen Bedingungen ist es entstanden? Wie gesund ist es? Klare Kennzeichnungen müssen den Käufer in Zukunft zum bewussten Entscheider machen. Die Idee dahinter: Er muss hohe Anforderungen an Tier-, Umwelt- und Klimaschutz gezielt honorieren.

Wer heute mit Agrarforschern spricht, hat oft den Eindruck, eigentlich Ernährungswissenschaftler vor sich zu haben. Denn sie reden viel über Ernährungsbildung und Ernährungsbewusstsein. Damit ließe sich die Zahl der ernährungsbedingten Erkrankungen reduzieren. Eine Lebensmittelampel warnt künftig vor zu vielen ungesunden Inhaltsstoffen.

Bei jedem Schritt von Nahrungsmittelproduktion und -konsum, vom Acker bis in den Privathaushalt, werden Lebensmittel weggeworfen, in Deutschland 55 Kilogramm pro Kopf, weltweit 1,3 Milliarden Tonnen jährlich. Wir müssen die Menge der Lebensmittelabfälle deutlich reduzieren – und das, was wir nicht essen können, auf andere Weise besser nutzen. Intelligente Warenmanagement-Systeme und bessere Produktinformationen können dabei helfen. Ob Nahrungsmittel auf den Müll wandern, hat auch mit unserer Einstellung ihnen gegenüber zu tun. Wie perfekt muss ein natürliches Produkt aussehen? Wie lange sind Lebensmittel haltbar? Warum erwarten wir beim Bäcker und in der Gemüseabteilung noch am Abend das gesamte Sortiment? Die Fragen zeigen: Auch wir Konsumenten müssen unsere Ansprüche ändern.

250.000 landwirtschaftlichen Betrieben in Deutschland stehen wenige mächtige Unternehmen gegenüber, die Lebensmittel verarbeiten und verkaufen. Sie diktieren die Preise. Wo immer alternative Anbau- oder Haltungsmethoden erfolgreich vermarktet werden, zeigt sich: Vertriebsmonopole müssen aufgebrochen, regionale Direktvermarktungswege ausgebaut werden. Die Konsumenten müssen den Landwirt und seine Produkte wieder wertschätzen lernen.

Konsequenzen für die Politik

Der Agrarpolitik könnte diese neue Landwirtschaft einen enormen Bedeutungsgewinn bescheren. Sie wird zur Klimaschutzpolitik, Umwelt- und Tierschutzpolitik, Verkehrs- und Strukturpolitik, Handelspolitik, Sozialpolitik und Gesundheitspolitik. Bisher jedoch ist sie auf fast allen Ebenen vor allem Klientelpolitik. Sie wird als Druckmittel in internationalen Handelsabkommen eingesetzt und erschöpft sich in der Verteidigung historischer und nationaler Besitzstände.

Auf dem Weg zu einer verantwortlichen Agrarpolitik sind daher drei zentrale Strategiewechsel notwendig:

Öffentliches Geld fließt nur noch für öffentliche Güter. Die flächenbezogenen EU-Subventionen laufen aus. Der Agrarhaushalt wird dabei nicht gekürzt, sondern um eine Klima-, Umwelt- und Tierschutzkomponente aufgestockt.

Die Politik fördert nicht einzelne Maßnahmen, sondern definiert Ziele und belohnt Ergebnisse. Agrarwissenschaftler müssen diesen Weg begleiten – mit Forschung und Entwicklung sowie mit intensivem Monitoring: Welche Strategie wirkt wo am besten?

Die deutsche Agrarpolitik sollte Standards setzen für internationale Vereinbarungen, zunächst auf EU-Ebene, dann als UN-Recht. Denn wir in Deutschland leben in einer gemäßigten Klimazone mit sehr fruchtbaren Böden. Wir haben die idealen Bedingungen für eine ökologische, ökonomische und soziale Transformation der Landwirtschaft.

Womöglich kommt unser Fleisch in Zukunft aus Zellkultur-Fabriken statt von der Weide. Aber ein Modell für die Welternährung ist das nicht. Für die Versorgung der Menschheit mit Nahrungsmitteln sind wir auf eine intakte Natur angewiesen, auf eine reiche Artenvielfalt, auf gemäßigtes Klima, auf sauberes Wasser und fruchtbare Böden.

Wir halten nur so viele Tiere, wie wir Wiesen und Weideland haben

Tierhaltung: Kleiner und artgerechter

Unter der Leitung von Johan Rockström hat eine Gruppe von Wissenschaftlern 2009 das Konzept der "Planetary Boundaries" entwickelt, das die ökologischen Belastungsgrenzen der Erde bemisst. Heute ist der Schwede Direktor am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und provoziert gern mit Vorschlägen, wie die Landwirtschaft auf die Klimakrise reagieren soll. Der gesamte Sektor der Lebensmittelproduktion, rechnet Rockström vor, könne auf einen Schlag klimaneutral werden: wenn wir aufhören würden, Tiere zu essen.

Dass Rockström in der Praxis so weit nicht gehen würde, wird in seinem Kochbuch deutlich, das im Februar 2019 auf Deutsch erschien: Eat Good: Das Kochbuch, das die Welt verändert. Hier empfiehlt er – auch mit Verweis auf die Ernährungsforschung –, den Fleischkonsum deutlich zu reduzieren. Darin ist er sich mit den meisten Agrarforschern einig: Die Erfolgsgeschichte der deutschen Fleischindustrie hat einen zu hohen Preis – für die Landwirte, für Umwelt und Klima und nicht zuletzt für die Gesundheit der Konsumenten. Die Bauern haben in größere Ställe und größere Bestände investiert und sind damit in größere wirtschaftliche Abhängigkeiten geraten. Das Wachstum der Fleischproduktion sprengt die natürlichen Kreisläufe. Fehlende Futtermittel-Eiweiße werden heute aus Nord- und Südamerika importiert. Überschüssige Gülle bedroht Boden und Trinkwasser in Deutschland. Die ständige Verfügbarkeit billigen Fleisches hat den Konsum massiv befördert. Aus dem geschätzten Sonntagsbraten ist ein wenig wertgeschätztes Massenprodukt geworden.

Um diese Fehlentwicklung zu stoppen, sieht die Mehrheit der Experten vor allem einen Weg: eine Diät für Konsumenten und Produzenten. Deutlich weniger Fleisch auf dem Teller für die einen, deutlich kleinere Bestände im Stall für die anderen. In einem ersten Schritt muss die Größe der Tierbestände wieder an die Fläche des zur Verfügung stehenden Ackerlandes gekoppelt werden.

Aus dem Blickwinkel des Klimawandels wäre eine tierfreie Landwirtschaft die beste Lösung. Die Ökologie setzt auf Kreisläufe – aus Futter, Tier, Naturdünger und Futter. Ein möglicher Kompromiss: Wir halten nur so viele Rinder, Milchkühe und Schafe, wie wir Wiesen, Weideland und Deiche haben. Schweine sind Allesfresser. Der Kompromiss zwischen Tierhaltung, Umwelt- und Klimaschutz hier: Wir halten nur so viele Schweine, wie wir Lebensmittelabfälle haben. Denkbar machen das unter anderem Modellprojekte, die auf der Zucht von Insekten basieren. Die Schwarze Soldatenfliege wird gerade als Verwerter von Lebensmittelabfällen entdeckt. Ihre gefräßigen Larven können getrocknet und zu Insektenmehl verarbeitet werden. Theoretisch soll das eiweißreiche Mehl Soja als Proteinquelle ersetzen und so südamerikanische Regenwälder vor der Abholzung bewahren. Praktisch stehen der Nutzung des Insektenmehls aber noch jede Menge Vorschriften im Weg.

Wir in Europa halten unsere Nutztiere heute vor allem in geschlossenen Ställen. Hier sind die Tiere geschützt, aber ihre Haltung ist, wenig artgerecht, auf die teuren Stallflächen verdichtet. Alternative Stallkonzepte berücksichtigen die Bedürfnisse der Tiere. Ein solches Konzept hat Jens van Bebber entwickelt, ein Landwirt aus dem niedersächsischen Samern. Seit er seinen Offenstall für 2000 Tiere in Betrieb genommen hat, kann er sich vor Besuchsanfragen kaum retten. Seine Schweine haben frische Luft und doppelt so viel Platz wie vorgeschrieben. Es gibt einen Strohbereich, wahlweise zum Ruhen oder Wühlen. Die Fütterung erfolgt über den Stall verteilt, sodass die Tiere ständig mit der Suche nach Futter beschäftigt sind.

Schweinehalter Peer Sachteleben ist für eine weitere Alternative zum klassischen Stall im April 2019 mit dem Innovationspreis Tierwohl ausgezeichnet worden. Er hat seinen Schweinen drei Meter breite und fünf Meter lange mobile Ställe gebaut, die er alle vier Wochen auf seinen Weideflächen versetzen kann, wo die Schweine dann ihren freien Auslauf haben. Seine Produkte vertreibt er im eigenen Betrieb oder über kooperierende Hofläden. Auch online kann man sie bestellen. Dank der modularen Stalleinheiten kann Peer Sachteleben mit seinem Markt mitwachsen.

Was an seinem Modell so reizvoll ist: Stallbauten kosten oft siebenstellige Beträge, für Familienbetriebe ist das ein hohes Risiko. Neue Mobilstall-Konzepte mit geringen Investitionshürden erleichtern dagegen Aufbau und Erhaltung kleinbäuerlicher Strukturen. Sie belasten die Umwelt weniger und sind artgerechter als klassische Ställe. Wie gut das funktionieren kann, zeigen die Hühner. Bei der Produktion von Freilandeiern sind mobile Ställe schon jetzt nicht mehr wegzudenken.

Eine hocherwünschte Nebenwirkung kleinerer Bestände: Sie rücken das Wohlbefinden jedes einzelnen Tieres wieder stärker ins Zentrum. Die Digitalisierung, der Einsatz von Melkrobotern, die Weiterentwicklung von Sensoren unterstützen den Tierhalter und reduzieren seine Arbeitsbelastung.

Die Abkehr vom geschlossenen Stall ist aber auch eine Herausforderung für die Zucht. Tierzüchter müssen traditionelle Hochleistungsrassen durch krankheitsresistentere und umweltfreundlichere Tiere ersetzen. In Zukunft werden Rassen gefragt sein, die keine Antibiotika-Prophylaxe gegen Infektionen benötigen, weniger schreckhaft sind und bei der Verdauung weniger Treibhausgase ausstoßen. 

Ausgewählte Quellen und Links zu diesem Thema finden Sie hier