"Keiner hat schräge Ideen" – Seite 1

Es ist Mitte Dezember. Die Schriftstellerin Lizzie Doron sitzt allein in der hinteren Ecke des Cafés Bohnenblust im Berner Länggass-Quartier und löffelt Gerstensuppe. Hierhin kommt sie jede Woche, wenn sie als Gastprofessorin an der Uni unterrichtet.

DIE ZEIT: Frau Doron, wie schlecht geht es Ihnen in der Schweiz?

Lizzie Doron: (lacht) Das ist nicht fair, so zu starten!

ZEIT: Sie haben einmal gesagt, Sie bräuchten viele Menschen um sich herum und einen hohen Geräuschpegel, damit Sie sich wohlfühlen.

Doron: Ich mag die Stille nicht. Still ist es auf dem Friedhof, und da ist es mit allem vorbei. Das ist für mich eine Katastrophe.

ZEIT: Ist die Schweiz laut genug?

Doron: Nein. Sogar meine Studenten, das ist erstaunlich, sind sehr still.

ZEIT: Es ist 14 Uhr, und wir sind die einzigen Menschen hier im Café. Behagt Ihnen das?

Doron: Oh, ja! Es läuft ja auch Musik. In Israel wäre es unmöglich, sich in einem Café zu einem Interview zu verabreden. Wir könnten uns nicht konzentrieren, würden ständig unterbrochen von Leuten, die sich zu uns setzen, einen kurzen Kaffee trinken, einen Schwatz halten wollten.

ZEIT: Für so was sind wir zu scheu.

Doron: Zu anständig!

ZEIT: Sie sind seit fünf Monaten als Gastprofessorin an der Universität Bern. Welches ist Ihr stärkster Eindruck?

Doron: Auf eine Weise bin ich sehr eifersüchtig darauf, wie man hier leben kann: Die Ausstattung an der Uni, der öffentliche Verkehr, das Essen, sogar das Wetter – alles ist total angenehm. Es schneit nicht einmal! Das ist das eine. Das andere, was mich beschäftigt und was ich mit all meinen Sinnen zu ergründen versuche: Warum es hier so anders ist, obwohl wir uns doch so nah sind, dieselben Bücher lesen, dieselbe Mode interessant finden und gemeinsame Wurzeln haben, historische und sogar genetische. Meine Vorfahren lebten vor 400 Jahren als Wildjäger in der Zentralschweiz. Trotzdem habe ich den Eindruck, hier eine ganz andere Welt zu besuchen.

ZEIT: Woran liegt es?

Doron: Die Schweiz ist ein Paradies, aber auch ein Gefängnis.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Doron: Ich war schockiert zu sehen, dass alle Studenten in meiner Vorlesung gleich sind. Alle sind weiß, alle kommen von hier, alle sind sie, so scheint es, aus guten, intakten Häusern. Keiner ist behindert, keinem fehlt ein Auge, keiner scheint arm zu sein. Wie in einer glücklichen Familie! Auch wie sie sich verhalten: immer pünktlich, anständig. Sie machen ihre Hausaufgaben und melden sich zu Wort, aber nur, wenn ich sie dazu auffordere. Das ist in Deutschland oder auch in Österreich ganz anders.

ZEIT: Warum schockiert Sie das?

Doron: Alle scheinen sich hier ständig darum zu bemühen, alles korrekt zu machen. Keiner ist ein bisschen verrückt, hat schräge Ideen. Ich habe nicht den Eindruck, dass hier der Ort ist, wo Revolutionen angezettelt werden, wo es Wut und Widerstand gibt.

ZEIT: Das klingt sehr langweilig.

Doron: So meine ich es nicht! Die Menschen leben in einer Welt vollkommener Sicherheit. Es gibt nichts, wofür sie wirklich kämpfen müssen, nichts, bei dem es um Leben und Tod geht.

ZEIT: Das ist bei Ihnen ganz anders. Sie wuchsen mit Ihrer Mutter in einem Stadtteil von Tel Aviv auf, in dem sich Überlebende der Schoa angesiedelt hatten. Sie haben nahe Freunde im Krieg verloren, selbst Militärdienst geleistet.

Doron: Wenn ich meine Wohnung in Tel Aviv verlasse, weiß ich nie, ob das Haus noch steht, wenn ich zurückkomme. Eine Rakete reicht, und alles ist zerstört. Auch müssen wir Israeli uns ständig mit der eigenen Identität befassen. Wer sind wir? Wie wollen wir leben? Säkular oder religiös?

ZEIT: Wie ist es, wenn Sie Ihre Wohnung hier verlassen?

Doron: Manchmal gehe ich morgens früh um fünf, wenn es noch dunkel ist, zu Fuß zum Bahnhof. Beim ersten Mal war ich so überrascht zu merken, dass ich keine Angst habe! Als ich meinen Mann anrief und davon erzählte, meinte er, ich solle doch ein Taxi nehmen. Meine Tochter fand, ich sei verrückt! Das zeigt, wie allgegenwärtig das Gefühl der Angst bei uns ist. Es war eine sehr schöne Entdeckung zu merken, wie die Angst weggeht.

"Ich träume besser in den Pyjamas von Migros!"

ZEIT: Wie haben Sie das gemerkt?

Doron: Ich konnte gehen und atmen! Nach und nach haben sich die Schultern, das Gesicht, die Lippen entspannt. Das habe ich nicht oft in meinem Leben erlebt!

ZEIT: Was fällt Ihnen sonst noch auf?

Doron: Die Schweiz riecht anders. Wenn ich aus meiner Wohnung in den Flur trete, kommt mir ein frischer, metallener Duft entgegen.

ZEIT: Nicht besonders angenehm.

Doron: Doch, doch! Sehr sauber!

ZEIT: Könnten Sie sich vorstellen, für immer in der Schweiz zu leben?

Doron: Für meine Kinder wünsche ich mir das sogar! Es wäre sehr beruhigend, sie hier, an einem so sicheren und ruhigen Ort zu wissen. Für mich wäre das aber nichts.

ZEIT: Warum nicht?

Doron: Meine Mutter, die von einem Nazioffizier vor dem Holocaust gerettet wurde, sagte mir, als ich noch ein sehr kleines Mädchen war, dass ich jenen helfen solle, die in Not seien. Und dass ich meine Stimme gegen Ungerechtigkeit erheben solle. Seither habe ich das in meinem Blut, und ich kann nicht anders, als zu kämpfen.

ZEIT: Ist die Schweiz dafür kein guter Ort?

Doron: Zur Erholung, ja! So wie ich mich in Tel Aviv in den Schutzraum meiner Wohnung begebe, wenn der Alarm wieder einmal losgeht, könnte ich mir vorstellen, einen Teil meiner Zeit hier zu verbringen. Um kreativ zu sein, wäre es aber nicht der richtige Ort. Ich muss für etwas kämpfen können, für Menschenrechte, Frauenrechte, LGBT, gegen Rassismus, eine Mission verfolgen können. Das ist der Sinn meines Lebens.

ZEIT: Sie waren eine angesehene Schriftstellerin in Israel, solange Sie über den Holocaust und Ihre Familiengeschichte schrieben. Dann lernten Sie einen palästinensischen Filmemacher kennen. In Ihrem Buch Who the Fuck Is Kafka gehen Sie der Frage nach, ob Freundschaft zwischen einer Israelin und einem Palästinenser möglich ist. In Ihrem jüngsten Buch Sweet Occupation interviewen Sie ehemalige palästinensische Terroristen.

Doron: Ich begann die Geschichte des Feindes zu ergründen. Ich versuchte ihre Wut und ihren Hass zu verstehen, sah ihre seelischen Verletzungen und lernte die Menschen hinter den Terroristen kennen.

ZEIT: Das Buch erschien auf Deutsch, nicht aber auf Hebräisch. Sie gelten als Nestbeschmutzerin. Wie wohl fühlen Sie sich noch in Ihrer Heimat?

Doron: Auf eine Weise habe ich zwei Identitäten und musste mir eine neue Heimat kreieren.

ZEIT: Wo liegt diese?

Doron: In Tel Aviv und in Berlin, den beiden Kantonen meines Landes!

ZEIT: Und wie sieht Ihre jeweilige Identität aus?

Doron: In den deutschsprachigen Ländern gelte ich als Schriftstellerin und erhalte Einladungen für Auftritte, Lesungen, Interviews. Meine Bücher werden als etwas wahrgenommen, was stark von einer jüdischen Kultur inspiriert ist. In Israel bin ich eine Mutter, eine Großmutter, eine Ehefrau und eine etwas verrückte Lady, von der es heißt, dass sie anderswo berühmt sei, und von der niemand recht weiß, warum sie so oft in Deutschland ist. Neulich ließ mich ein Journalist hinter vorgehaltener Hand wissen, dass er mich gerne interviewen würde, sich dann aber Probleme einhandeln würde und es darum bleiben lasse. Er habe kleine Kinder.

ZEIT: Wie sehr schmerzt Sie das?

Doron: Ich verstehe den Journalisten und seine Situation. Aber es ist sehr frustrierend, wenn meine Botschaft dort, wo es mir am wichtigsten wäre, nicht ankommt.

ZEIT: Ihre Gastprofessur geht bald zu Ende. Was werden Sie mitnehmen?

Doron: Ich verbringe seit vielen Jahren einen Teil meiner Ferien bei Freunden in Zürich und gehe nie zurück, ohne in der Migros eingekauft zu haben.

ZEIT: Was kaufen Sie dort?

Doron: Mocca-Joghurt.

ZEIT: Mocca-Joghurt?

Doron: (lacht) Die stichfesten. Und ein paar Pyjamas.

ZEIT: Pyjamas?

Doron: Ich träume besser in den Pyjamas von Migros!