DIE ZEIT: Herr Goldner, nach dem Brand im Krefelder Zoo ist eine öffentliche Gedenkfeier geplant – als ob Artgenossen von uns gestorben wären. Wie viel Mensch kommt denn eigentlich zu Schaden, wenn Menschenaffen sterben?

Colin Goldner: Menschenaffen sind unsere engsten biologischen Verwandten. In kognitiver, sozialer und emotionaler Hinsicht unterscheiden sie sich allenfalls graduell von uns. Ich sehe daher keinen Grund, anders um sie zu trauern, als ich es bei einem tragischen Verlust von Menschenleben täte.

ZEIT: Worin liegt für Sie die zentrale Tragik?

Goldner: Darin, dass es dieses Affenhaus überhaupt gab. Jahrzehntelang waren dort Gorillas, Orang-Utans und Schimpansen auf engstem Raum eingesperrt. Sie mussten auf nacktem Betonboden hocken – ohne Zugang zu einem Außengehege. Die Tragödie der Silvesternacht ist für diese Tiere das qualvolle Ende jahrzehntelanger Qualhaltung.

ZEIT: Sie sind grundsätzlich gegen die Haltung von Menschenaffen in Gefangenschaft. Ihre Initiative Great Ape Project fordert für diese Tiere Grundrechte ein, die bislang Menschen vorbehalten sind, darunter das Recht auf Leben, der Schutz der individuellen Freiheit und das Verbot der Folter. Vermutlich plädieren Sie nun gegen einen Neubau der abgebrannten Einrichtung.

Goldner: Selbst ein nach moderneren Gesichtspunkten errichtetes Affenhaus wäre nichts anderes, als es das alte war: ein Gefängnis für lebenslänglich eingesperrte und gegen Entgelt zur Schau gestellte Wildtiere.

ZEIT: Aber viele jener Menschen, die jetzt den Verlust ihrer Fast-Artgenossen betrauern, fordern vehement den Wiederaufbau des Affenkäfigs – aus Liebe.

Goldner: Aus Liebe zu Schimpansen oder Orang-Utans? Das bezweifle ich. Wohl eher aus Liebe zum fast rituell vollzogenen Zoobesuch an Muttertag, Pfingsten oder Fronleichnam. Ein interessantes Phänomen übrigens: Kaum gibt’s Nachwuchs in deutschen Familien, wird das Kind als Erstes in den örtlichen Zoo gekarrt. Auch Kitas und Schulen machen ständig Ausflüge in den Zoo.

ZEIT: Um den Kindern Orang-Utans und andere Tiere näherzubringen. Zoos sind Lernorte.

Goldner: Kinder lernen so aber höchstens etwas über gefangen gehaltene Orang-Utans. Wenn sie auf einer Infotafel lesen, dass Orang-Utans im tropischen Regenwald Indonesiens leben, und das fast ausschließlich hoch oben in den Bäumen, wo sie sich ihre Schlafnester bauen, dann hat das nicht das Geringste zu tun mit dem Tier, das im Zoo teilnahmslos hinter einer Glasscheibe auf nacktem Betonboden herumhockt und sich zu Tode langweilt. Nicht selten fangen Kinder auch an zu weinen, wenn sie in das tieftraurige Gesicht eines Orang-Utans blicken.

ZEIT: Übertreiben Sie da nicht?

Goldner: Ich habe in einer groß angelegten Studie zu den Lebensbedingungen von Menschenaffen in Gefangenschaft mehr als 600 Stunden in den Affenhäusern Deutschlands zugebracht. Da habe ich das immer wieder beobachten müssen. Kleine Kinder empfinden weitaus mitfühlender mit eingesperrten Tieren als Erwachsene. Es wurde ihnen dann erklärt, die Tiere schauten nur so drein, dass man meinen könnte, sie seien traurig. Es gehe ihnen aber gut im Zoo – was definitiv nicht stimmt.