DIE ZEIT: Herr Schneider, wird Frankreich die europäische Atomindustrie am Leben erhalten?

Mycle Schneider: Nein.

ZEIT: Die französische Regierung plant, bis 2035 sechs neue Atomreaktoren zu bauen.

Schneider: Pläne sind das noch nicht. Man weiß weder, wo noch wann und mit welchem Design diese Reaktoren eventuell gebaut werden sollen.

ZEIT: Aber es gibt eine neue Reaktorreihe, den EPR, zu Deutsch: Europäischer Druckwasserreaktor. Zwei EPR laufen in China, einer wird in Finnland fertiggestellt, ein weiterer 2022 in Frankreich und ein dritter in England befindet sich im Bau.

Schneider: Der EPR ist ein Fiasko. Mit dem Bau des ersten Reaktors in Finnland wurde 2005 begonnen, 2009 sollte er fertig sein, und er ist heute noch nicht in Betrieb. Dann folgte der zweite Bau in Frankreich mit fast identischen Problemen: Beton- und Stahlherstellung waren unzureichend, Komponenten mangelhaft, das französische Zuliefersystem unzuverlässig.

ZEIT: 2011 gab es die Reaktorkatastrophe in Fukushima. Erklären sich die Schwierigkeiten nicht aus den seither gestiegenen Sicherheitsansprüchen?

Schneider: Der EPR ist keine Antwort auf Fukushima, sondern auf Tschernobyl, die Reaktorkatastrophe von 1986. Man hat das nur vergessen. Die Krise der Atomindustrie beginnt lange vor Fukushima. China hat schon im Jahr 2010, ein Jahr vor der Katastrophe in Japan, mehr in erneuerbare Energien investiert als in die Atomenergie.

ZEIT: Aber stehen jetzt nicht in China mit den ersten zwei EPR-Reaktoren die sichersten Atomkraftwerke der Welt?

Schneider: Ganz sicher nicht. Es sind die größten Reaktoren, damit wird auch das radioaktive Inventar größer, und Risiken erhöhen sich. Zudem kann kein unabhängiger Experte die Sicherheit in chinesischen Atomkraftwerken beurteilen. In Japan hat man nach Fukushima festgestellt, dass eine unabhängige Aufsicht praktisch nicht existierte. Auch in Südkorea gab es große Skandale bei der Qualitätskontrolle: Die Zertifikate Tausender AKW-Bauteile wurden dort gefälscht. Niemand weiß, ob es in China besser läuft.