Die Einsicht, dass er sich öffentlich wehren will gegen den Intendanten des Bayerischen Rundfunks, kam Richard Gutjahr beim Meditieren. Lange Jahre hat er für den Sender gearbeitet, doch nun, über Neujahr, ist er nach Kalifornien geflogen, weg von den Konflikten mit Antisemiten, Rechtsradikalen und Kollegen, in ein Meditations-Retreat an der Küste. Kein Internet, Ruhe. Am 31. Dezember 2019, so erzählt er es am Telefon, hat er von dort den offenen Brief geschrieben und ihn auf seinem Blog veröffentlicht, diese Abrechnung mit dem Intendanten Ulrich Wilhelm, die in der vergangenen Woche viel Aufsehen erregte.

Es hat sich eine Menge aufgestaut in Gutjahr, er lässt das nun alles raus. Die BR-Führungsspitze: habe ihn "mit dem Hass und der Hetze in Folge (seiner) Berichterstattung für die ARD allein gelassen". Der Intendant: würde die "Wahrheiten (...) verbiegen", ein Mann, dem "Rückgrat" fehle in Zeiten von Hass und Hetze im Netz.

Gutjahr ist nicht irgendein enttäuschter Mitarbeiter, der schwere Vorwürfe erhebt. Er ist auch ein enttäuschter Journalist, der durch zwei irre Zufälle bekannt geworden ist. Im Juli 2016 steht er auf dem Balkon eines Hotels an der Promenade von Nizza, eigentlich im Urlaub mit seiner Familie, als ein IS-Attentäter einen Lkw als Waffe verwendet und auf diese Weise 86 Menschen tötet. Vom Balkon aus filmt Gutjahr den Terroranschlag. Die Aufnahme wird weltweit bekannt. Nur eine Woche später, zurück in Deutschland, ist Gutjahr zufällig in der Nähe eines Münchner Einkaufszentrums, als dort ein Amokläufer mordet. Wieder berichtet er als einer der Ersten vom Geschehen.

In der Folge wird der Journalist Opfer von Verschwörungstheoretikern, und Neonazis und Reichsbürger terrorisieren ihn bis heute mit Hass und Morddrohungen im Netz. Der Konflikt mit seinem Sender gründet in dieser Zeit und im Konflikt darüber, ob der Sender seinen Mitarbeiter danach alleingelassen hat.

Angesichts dieser Vorgeschichte ist auf jeden Fall erstaunlich, mit welcher Kargheit der Bayerische Rundfunk vergangene Woche öffentlich auf den Brief Gutjahrs reagiert hat. Man weise den "Vorwurf der Lüge und Täuschung durch den Intendanten strikt zurück", hieß es. Und: "Die wiederkehrende öffentliche Kritik von Richard Gutjahr enthält keine neuen Aspekte und ist im Kern nicht zutreffend."

Es geht um Wertschätzung und eine Anstalt, die einen Kollegen anstrengend findet

Die Eskalation ist nur der vorläufige Höhepunkt eines jahrelang schwelenden Streits zwischen dem Mitarbeiter und der Führung des Senders. Eine Parabel für den Journalismus in Zeiten des Hasses: Ein Journalist, der auch ins Fadenkreuz jener geriet, die sich ohnehin an Verschwörungstheorien gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk abarbeiten, und der aufgrund seiner Arbeit bedroht wird. Deshalb fordert er Hilfe ein. Und eine öffentlich-rechtliche Anstalt, die aufgrund ihrer Schwerfälligkeit auf Einzelfälle nicht so reagiert, wie es sich Mitarbeiter unter Druck wünschen. Es geht aber auch um einen sehr individuellen Fall, um den Kampf eines Mitarbeiters um Wertschätzung und um eine Anstalt, in der manche den Kollegen auch als anstrengend erleben, ungeachtet seines Schickals.

Richard Gutjahr war ein sogenannter fester freier Mitarbeiter. Es handelt sich dabei um ein Rechtskonstrukt, das Mitarbeiter nicht fest anstellt, sie aber wie feste Mitarbeiter behandelt: Sie bekommen einen festen Vertrag und ein regelmäßiges Honorar. Gutjahr gehörte zu den Journalisten, die mit diesem Modell lange und gut gelebt haben: weil es große Freiheiten bedeuten kann, wenn man es erfolgreich ausübt. Gutjahr war so ein Fall: Er ist ein Experte für digitalen Journalismus, bloggte und dozierte auf Medientagen. Er sitzt auf Bühnen, spricht vor Publikum, bekommt Aufmerksamkeit.