Ich leiste einem alten Freund Gesellschaft, der vor sechs Monaten seine Frau verloren hat. Er ist neunzig Jahre alt, gebrechlich, aber geistig hellwach. Der Stuhl, auf dem sie früher saß, steht immer noch gegenüber seinem eigenen. Das Zimmer ist unverändert so, wie sie es eingerichtet hat. Ich habe ihm ein Stück Kuchen aus einem Café mitgebracht, in das sie gerne zusammen gingen. Er isst es schnell auf. Ich frage ihn, wie es ihm gehe. Er schaut aus dem Fenster und flüstert: "Wenn ich nur glauben könnte, dass ich sie wiedersehen werde."

Er will nicht, dass ich seine Zeit mit Aufmunterungsversuchen verschwende. Also sitzen wir schweigend da. Wenn ich mich verabschiede, denke ich: So ist es wohl, nach dem Paradies zu leben, nachdem wir nicht mehr an ein tröstliches Jenseits glauben. Damit stellt sich die Frage: Welcher Trost bleibt uns noch?

Trost ist etwas anderes als Beistand. Beistand nimmt viele Formen an, einen Blick, eine Umarmung, ein Stück Kuchen. Beistand leisten kann man ohne Worte, Trost aber beruht in Aussagen, den Sinngehalten, die uns helfen, Leid und Verlust zu ertragen.

Worin könnten diese Sinngehalte bestehen? Gibt es irgendwelche Bedeutungen, die einen Mann trösten können, der nach fünfzig Jahren seine Frau verloren hat? Wie könnten sie auf Gefühle einwirken und den Hinterbliebenen Schritt für Schritt, so schmerzhaft es ist, in einen Gemütszustand versetzen, in dem er seinen Frieden mit seinem Verlust machen kann?

So alt diese Fragen sind, so schwer fällt es uns, über sie nachzudenken, denn das Wort Trost hat seinen Platz im modernen Vokabular verloren. In einer vom Wettbewerb beherrschten Gesellschaft ist Trost, umgangssprachlich gesagt, etwas für Verlierer. Der Trostpreis ist der, den man nicht gewinnen will. Ohne solche Preise und die Kultur des ehrenhaften Verlierens aber riskieren wir, unsere Kinder in dem Glauben aufzuziehen, zu verlieren sei ein Schlag, von dem sie sich nie wieder erholen können. Dabei müssen sie doch lernen, dass sie in jedem Spiel, das sie spielen, auch verlieren können.

Zu trösten ist schwer, weil es eine metaphysische Aufgabe ist, aus Trauma und Verlust einen Sinn für die Leidenden zu ziehen. Es ist die Herausforderung, das Leben in all seiner Schönheit und Härte zu erklären, damit die, die wir lieben, es ertragen und gut leben können. Natürlich ist das schwer.

Auch aus der akademischen Betrachtung ist der Trost verschwunden. Er war einmal ein Thema für die Philosophie, galt sie doch als die Disziplin, die uns lehrt, wie man leben und sterben soll. In der Antike war die consolatio ein eigenes Genre. Cicero war ein Meister dieser Kunst. Seneca schrieb drei berühmte Briefe, um trauernde Witwen zu trösten. Ein römischer Senator, Boethius, schrieb Der Trost der Philosophie, während er im Jahr 524 nach Christus auf die Todesstrafe durch einen Barbarenkönig wartete. Diese Texte führen heute nur noch ein Schattendasein im geisteswissenschaftlichen Grundstudium, aber die Fachphilosophie ist über sie hinweggegangen. Sie hat an begrifflicher Präzision gewonnen, dafür aber den Trost als leitendes Ziel verworfen.

Die Räume, in denen einst Trost gespendet wurde, stehen heute leer. In Kirchen, Synagogen und Moscheen teilten wir die Trauer in kollektiven Ritualen, deren Alter ihr eigentlicher Trost war. Der Imam, der Priester, der Rabbiner, sie alle hatten altehrwürdige Gebete und Redewendungen, um uns zu helfen, Tod und Verlust zu akzeptieren. Wenn wir heute in Zeiten des Elends Hilfe suchen, suchen wir sie allein, als Individuen, untereinander und bei professionellen Therapeuten.