Wenn wir uns auf diese Reise begeben, dürfen wir mit Überraschungen rechnen. Eine davon ist, dass religiöse Sprachen, die der Glaube an einen gerechten und barmherzigen Gott erfüllt, erstaunlich offen für Zweifel, Angst, ja sogar Wut über Gottes Unergründlichkeit sind, seine launische Weigerung, uns Leid und Verlust zu ersparen. Das Buch Hiob ist eine einzige strenge Befragung von Gottes Ungerechtigkeit. Die Psalmen enthalten einige der unvergänglichsten Beschreibungen überhaupt darüber, was es bedeutet, verängstigt, verloren und ohne Beistand zu sein.

Deshalb sind religiöse Texte auch heute noch lebendig für uns. Deshalb nimmt auch zu dieser späten Stunde irgendjemand in irgendeinem Hotelzimmer die Gideon-Bibel zur Hand und liest die Psalmen – und straft damit die Illusion Lügen, dass die Säkularisierung uns die Fähigkeit genommen habe, Zugang zu den Tröstungen unserer religiösen Vergangenheit zu finden. Was uns tröstet, mag nicht mehr der Glaube an das Paradies sein, sondern etwas ganz anderes, ein Glaube an die Menschheit aus dem Bewusstsein heraus, dass andere Menschen, so wie wir, wussten, was es heißt, existenzielle Ängste und Einsamkeit zu empfinden, und sich von ihnen trotzdem nicht unterkriegen ließen.

Unsere menschliche Verwandtschaft mit den Psalmisten zu spüren, mit Hiob, mit dem Paulus des Briefs an die Korinther, mit Boethius, Dante, Montaigne, Shakespeare und Cervantes, dieses Gefühl in der Musik von Bach oder Mahler zu erleben heißt, die Bestärkung zu erfahren, die im Kern des Trostes steckt – das Gefühl, dass wir nicht allein sind, im Stich gelassen mit einem Elend, das nur wir selbst empfinden. Die alten Texte können uns helfen, Worte für das Unaussprechliche zu finden, für Erfahrungen der Isolation, die uns im Schweigen einzuschließen scheinen.

Trost ist ein Akt der Solidarität im Raum – indem wir den Hinterbliebenen Gesellschaft leisten, einer Freundin über einen schwierigen Moment hinweghelfen –, aber auch ein Akt der Solidarität in der Zeit, indem wir uns die Fähigkeit bewahren, die von den Toten hinterlassenen Worte zu hören und zu verstehen.

Dass wir diese Stimmen immer noch hören können, bezeugen die lebendigen Bedeutungsketten, die sich über Tausende von Jahren erstrecken können. Um nur ein einziges Beispiel zu nennen: Siebenhundert Jahre nachdem Boethius sich selbst getröstet hatte, indem er sich vorstellte, dass er im Gefängnis Besuch von der ehrwürdigen Dame Philosophie erhält, las Dante in der Verbannung aus Florenz diesen Trost. Das inspirierte ihn dazu, sich eine Reise von der Hölle durch das Fegefeuer bis ins Paradies vorzustellen, ebenfalls in Begleitung einer weisen Dame. Er malte sich aus, dass er Boethius selbst im Paradies antraf, der von seinem Martyrium auferstanden und nun sicher in den höchsten Stufen der Seligkeit versunken war. Weitere tausend Jahre später, im grimmigen Herbst 1944, schleppte sich ein junger italienischer Chemiker mit einem Freund durch den Schnee und Schlamm von Auschwitz, um sich die elende Suppe abzuholen, die sie in ihre eiskalte Baracke mitnehmen würden. Unterwegs stellte der junge Italiener plötzlich fest, dass er sich aufgrund von Müdigkeit, Hunger und Angst nur schwer an einige Zeilen Dantes erinnern konnte:

Ihr seid nicht da, zu leben wie die Tiere,

Ihr sollt nach Tugend und nach Wissen streben.

Für Primo Levi waren Dantes Worte wie ein Donnerschlag, der die Erlösung aus der Hölle von Auschwitz versprach, eines Tages, irgendwie. So funktioniert die Sprache des Trostes, von Boethius zu Dante, von Dante zu Primo Levi: Menschen in äußerster Not, die sich über mehr als ein Jahrtausend hinweg voneinander inspirieren lassen. Diese zeitübergreifende Solidarität mag die tröstlichste von allen sein, da sie eine unauslöschliche Überzeugung von der letztlichen Sinnhaftigkeit menschlichen Verhaltens zum Ausdruck bringt – das Leiden wird erinnert und ist nicht umsonst.

Die Weisheit dieses ungebrochenen Bedeutungsstrangs lag auch in seiner Bescheidenheit, in seinem Verständnis der menschlichen Gebrechlichkeit und der Grenzen der Sprache selbst. Die alten Texte waren sich darüber im Klaren, dass es Erfahrungen gibt, die einen untröstlich machen, sodass man von Worten und Bedeutungen nicht mehr zu ermuntern ist. Der Trost führt uns bis an den Rand der Sprachfähigkeit, jenseits derer es nur noch Stille gibt. Aischylos wusste um den Trost der Stille und die langsame Heilung durch die Zeit:

Träufelt im Herzen zur Stunde des Schlafs / Kummer, des Argen eingedenk, / Lernt Weisheit auch verstocktes Gemüt. / Huld der Geister ist’s, die fest / am heiligen Steuer sitzen.

Um zu meinem trauernden alten Freund zurückzukehren, so konnte ich mir nicht vorstellen, ihm zu raten, dass er Trost aus Cicero oder Shakespeare oder Montaigne ziehen sollte, obwohl er sie gut kennt. Nicht ihre Worte braucht er, sondern die Frau, den verschwundenen Schatten, dessen Schal noch immer über dem verwaisten Stuhl hängt. Er braucht meinen Rat nicht, vielleicht nicht einmal meine Gesellschaft. Aber es kann eine Zeit kommen, in der er nach diesen Texten in seinem Regal greift, denn eines ist sicher: Sie wussten, wie man die Würde seines Leidens erkennt und das Gewicht seines Verlustes richtig ermisst. In dieser Erkenntnis könnte zuletzt ein gewisser Trost liegen. Bis dahin verabschieden er und ich uns in brüderlichem Schweigen.

Aus dem Englischen von Michael Adrian