Sie kamen von der Startbahn West am Rhein-Main-Flughafen und von den Bauzäunen des AKW Brokdorf in der Wilstermarsch. Sie kamen aus lokalen Umweltgruppen, kümmerten sich daheim um das Moor am Dorfrand oder die Spechthöhlen im Forst, tüftelten an den ersten Solaranlagen und Windrädern. Sie kamen von oberbayerischen Ökohöfen und Landkommunen am Vogelsberg, aus WGs in Berlin-Kreuzberg und Tübingen, aus soziologischen Seminaren und Waldorfschulen, aus pazifistischen, feministischen und kirchlichen Milieus, aus den traditionellen Naturschutzverbänden und den neuen sozialen Bewegungen. Sie waren streng an Idealen und Werten orientiert oder eher pragmatisch, schwärmerisch oder machthungrig, manche ziemlich zwielichtig. Viele hatten ein eigenes Projekt in der Tasche. Die Gründergeneration der Grünen fühlte sich berufen, für eine "Basis" aus Hunderten von Bürgerinitiativen quer durchs Land zu sprechen, auch wenn sie nicht mehr als ein lockeres Geflecht aus regionalen Wahlbündnissen und bunten Listen vertrat.

Rund 1000 Delegierte strömten vor 40 Jahren, am 12. Januar 1980, zusammen – in Karlsruhe, der gutbürgerlichen Residenz- und Universitätsstadt zwischen Schwarzwald und Rheinauen. Unter ihnen waren viele bekannte Gesichter: Petra Kelly, Jutta Ditfurth, Joseph Beuys, Rudolf Bahro, oder Herbert Gruhl. "Wir sind die Alternative", verkündete die Präambel zum Programm gleich im ersten Satz. Man beschloss die Gründung der Partei Die Grünen. Doch viel mehr an Aufbruch brachte die Versammlung nicht zustande. In Karlsruhe flogen die Fetzen. Den Versuch doktrinärer Linker, die Kontrolle über die junge Partei an sich zu reißen, konnte man abwehren. Kapitalismuskritik jedoch blieb in der DNA des grünen Denkens. Die Partei machte eine höchst turbulente Gründungsphase durch.

Dennoch mutet das grüne Bundesprogramm vom März 1980 im Rückblick ausgesprochen hellsichtig an. Die Präambel kreiste um vier Schlüsselwörter: ökologisch, sozial, basisdemokratisch, gewaltfrei. In den Fokus kam das große Ganze, "die Erkenntnis, daß in einem begrenzten System ein unbegrenztes Wachstum" der industriellen Produktion nicht möglich sei. Es herrschte die Sorge, durch die Zerstörung der Ökosysteme auch das menschliche Leben zu gefährden und den nachfolgenden Generationen eine unheimliche Erbschaft aufzubürden. Als Gegenmittel wurde eine "aktive Partnerschaft" zwischen Natur und Mensch beschworen, die sich "am besten in selbstbestimmten und selbstversorgenden überschaubaren Wirtschafts- und Verwaltungseinheiten" und in einer "Kreislaufökonomie" verwirklichen lasse.

Damit griffen die Grünen die Parole des ersten UN-Umweltgipfels von 1972 auf: Global denken, lokal handeln. Und auch sonst standen sie nicht allein da. Es gab um 1980 in Ansätzen eine globale ökologische Bewegung, die tief in die Geschichte, bis ins 18. Jahrhundert zurückreichte und über alle Parteigrenzen hinausging: Sie umschloss sozialdemokratische, liberale und konservative Positionen gleichermaßen – und hätte dem Lauf der Dinge eine andere Richtung geben können.

Nur vier Wochen nach dem turbulenten Event in der Stadthalle von Karlsruhe überreichte der deutsche Ex-Kanzler Willy Brandt dem UN-Generalsekretär Kurt Waldheim in New York den Abschlussbericht seiner Nord-Süd-Kommission. Der Titel: North-South. A Program for Survival. Bald hieß er nur noch Brandt-Report. Den Anstoß hatte 1977 der damalige Weltbank-Präsident Robert McNamara gegeben. Aktiv mitgewirkt hatten Staatsmänner wie Olof Palme, sozialdemokratischer Ministerpräsident Schwedens, und Edward Heath, der konservative britische Ex-Premier. Eine hochkarätig besetzte Kommission – die Mitglieder kamen mehrheitlich aus Ländern der Südhalbkugel – suchte in einem Konferenz-Marathon nach Antworten: Wie kann der tiefe Riss zwischen den reichen Ländern des Nordens und den armen des Südens geheilt werden? Wie kann die Erde zu der so oft beschworenen "einen Welt" zusammenwachsen?

Brandt fand eine genial einfache Antwort. Denn es gebe etwas, das alle verbinde: "daß die Menschheit überleben will". Die Einsicht in die Interdependenz, die wechselseitige Abhängigkeit auf dem Planeten, müsse sich endlich durchsetzen. Bei der Analyse der Bedrohungspotenziale benennt der Brandt-Report die sprunghaft wachsende Weltbevölkerung, die zunehmenden internationalen Spannungen im Wettlauf um die knapper werdenden Ressourcen, die Gefährdung der Umwelt durch das Abholzen der Wälder und die Plünderung der Fischbestände, die Verschmutzung von Luft und Wasser und – schon damals – "Klimaveränderungen mit potentiell katastrophalen Folgen", verursacht durch CO₂-Emissionen.