Strom kommt aus der Steckdose, so viel ist klar. Unsicher ist hingegen, wie er künftig ins Netz kommen soll. Zwar geht die Bundesregierung in all ihren Prognosen über die künftige Energieversorgung des Landes von einem massiven Ausbau der erneuerbaren Energieträger aus. Immer mehr Strom soll also mithilfe von Solarpanels, Wasserkraft und Windrädern erzeugt werden. In der Realität aber werden derzeit auf dem Land kaum noch neue Windräder aufgestellt. Im ersten Halbjahr 2019 entstanden gerade mal 86 neue Anlagen, so wenig wie seit 2000 nicht mehr. Und auch für dieses Jahr sind die Prognosen eher düster.

In dieser verfahrenen Situation hat nun der SPD-Umweltpolitiker Matthias Miersch ein "Windbürgergeld" vorgeschlagen. Ähnliche Ideen haben auch die Grünen, sie wollen eine "Windprämie". Das Prinzip ist gleich: Menschen, deren Häuser nah an Anlagen stehen, sollen entschädigt werden. Weil sie unter den Geräuschen oder den Schatten besonders leiden, sollen sie Geld bekommen. Alternativ oder zusätzlich sollen sie bevorzugt Gesellschaftsanteile vom Anlagenbetreiber kaufen können. Das wiederum, so die Hoffnung, könnte die Akzeptanz der Windkraft steigern und so die Zahl der Einsprüche und Klagen senken, die viele Investoren verschrecken.

Beifall bekommen Miersch und die Grünen vom Münchner Ifo-Institut. Dessen Wirtschaftsforscher halten den "Ausgleich für Bürger, die direkt von Windanlagen betroffen sind", für sinnvoll. Gezahlt werden soll er, so das Ifo, allerdings nicht vom Staat, sondern von den Betreibern.

Tatsächlich wird sich so manch ein Bürger, der plötzlich von einem Windrad in seiner Nachbarschaft finanziell profitiert, eine Klage sicher zweimal überlegen. Wenn er dann auch noch Gesellschafter werden kann, sein Geld also in Zeiten der Negativzinsen gewinnbringend angelegt sieht, denkt er wahrscheinlich dreimal nach, bevor er vor Gericht zieht. Ein Windbürgergeld könnte also durchaus für mehr Akzeptanz bei manch direkt Betroffenem sorgen.

Nur für einen Boom der Branche wird die Idee allein wohl trotzdem nicht sorgen. Warum, zeigt unter anderem eine Analyse der Klagen des vergangenen Jahres. Die bundeseigene Fachagentur Windkraft an Land hat nämlich herausgefunden, dass im vergangenen Jahr nur 23 Prozent der Klagen mit Lärm und Gesundheit begründet wurden. Bei 72 Prozent ging es demgegenüber um den Artenschutz. Das bedeutet: Einen Großteil der Klagen wird man nicht durch eine finanzielle Entschädigung der Anwohner vermeiden können, sondern nur durch einen besseren Dialog mit Umweltschützern. Dass da Kompromisse möglich sind, haben viele einzelne Projekte immer wieder bewiesen. Politiker und Investoren müssten sich die Mühe eben nur häufiger machen.

Doch auch das wird noch nicht reichen. Damit die Windkraft wieder boomt, müsste auch das Bundeswirtschaftsministerium unter Peter Altmaier (CDU) seine Strategie grundsätzlich ändern: Noch Ende vergangenen Jahres war im Ministerium ein Gesetzentwurf entstanden, der den Bau neuer Anlagen weitgehend verhindert hätte. Unter anderem sollte jedes neue Windrad einen Abstand von mindestens 1000 Metern zu jeder Ansiedlung ab gerade mal fünf Häusern einhalten. Zwar wurde das Papier nicht vom Bundestag verabschiedet, und das wird es wohl auch nicht werden. Doch klar ist: Wenn die Regierung nicht bald eine andere Version präsentiert und damit dokumentiert, dass sie wirklich mehr Windenergie will, dann wird sie auch keine bekommen – schon weil die meisten Investoren derzeit abwarten.

Die Idee vom Windbürgergeld, die ja nun immerhin von einem Teil der großen Koalition propagiert wird, ist derzeit also vor allem ein interessantes Signal dafür, dass sich in Berlin vielleicht doch etwas bewegt. Schließlich hat sie der Debatte, wie der weitere Ausbau der erneuerbaren Energieträger doch noch gelingen könnte, einen Schubs verpasst. Um die Zukunft der Windkraft im Land allerdings nachhaltig zu sichern, bräuchte es dann doch mehr als einen solchen Schubs.