Schließlich waren die Schmerzen zu stark. Jeder Schluck Tee, jeder Bissen Zopf tat höllisch weh. Mein Hals fühlte sich an, als wäre er mit Schmirgelpapier tapeziert. Es war der 2. Januar, Berchtoldstag, und die Praxis meines Hausarztes war geschlossen. Also zog ich mich warm an, fuhr mit dem Tram an den Hauptbahnhof und meldete mich in der Permanence, einer Walk-in-Praxis.

"Ich habe seit Montagabend übles Halsweh, darum spreche ich auch so komisch." Die Dame am Empfang antwortete mir freundlich-trocken: "Da sind sie zurzeit nicht der Einzige." Sie suchte meine Daten im Computer und drückte mir ein Ticket in die Hand. Nummer 85. Auf der Anzeige leuchtete die 61.

Für meinen Hausarzt bin ich ein schlechter Kunde. Ich bin selten krank, und wenn, dann an einem Wochenende, in den Ferien oder eben über die Feiertage.

Zu Hause hatte ich, wie ich das immer tue, wenn mich etwas plagt, die Symptome gegoogelt. Je länger ich auf dem iPhone rumtippte, Quervergleiche anstellte und die verschiedenen Quellen miteinander verglich, desto überzeugter war ich: Ich habe eine Angina, eine Mandelentzündung.

Angina? Das ließ in meinem Kopf etwas anklingen. Erst recht, als ich las, dass dieselben Streptokokken-Bakterien auch Scharlach auslösen können. Die Erdbeerzungen-Krankheit erinnerte mich an Erzählungen meiner Mutter aus den Nachkriegsjahren in Österreich, an Quarantänen im Gästezimmer und an Penicillin, das aus der Schweiz importiert werden musste.

Sechs bis zehn Tage Antibiotika, las ich in den online verfügbaren Guidelines der Schweizerischen Gesellschaft Infektiologie, gilt in der Schweiz noch heute als Standardtherapie bei Angina. Damit ließe sich, erfuhr ich anderswo, gefährlichen Komplikationen vorbeugen: zum Beispiel eitrigen Abszessen im Hals und dem sogenannten akuten rheumatischen Fieber, das zu schweren Schäden in Herz, Hirn oder Nieren führen kann.

Kinder, die an einer Angina erkranken, las ich weiter, dürfen erst wieder in den Kindergarten oder in die Schule, wenn sie 24 Stunden lang ihre Antibiotika-Tabletten geschluckt haben. Dann sind sie nicht mehr ansteckend.

Nach gut zwei Stunden Wartezeit leuchtete in der Permanence meine Nummer 85 auf. Eine Ärztin bat mich in den oberen Stock in einen kleinen Behandlungsraum. Nett und speditiv klärte sie ab, was mir fehlt. "Machen wir zuerst einen Abstrich: Wenn der Befund klar ist, können wir aufs Blutbild verzichten. Das ist günstiger." Sie steckte mir ein Wattestäbchen in den Rachen, nahm eine Speichelprobe von meiner Schleimhaut und verschwand damit im Labor. Eine Viertelstunde später bat sie mich wieder in ihr Behandlungs-Kabuff. Befund positiv. Streptokokken. "Ich würde Ihnen ein Antibiotikum verschreiben. Es gibt zwar auch Ärzte, die Angina mit Homöopathie behandeln wollen ..." – "Äh, nein, danke, ich will etwas, das nützt", unterbrach ich sie. Ich bin kein Schulmedizin-Fundi, im Gegenteil. Ich schlucke lieber Kräuter statt Chemie und glaube an den Placeboeffekt. Ich weiß auch, dass Ärzte noch immer zu schnell und zu häufig Antibiotika verschreiben. Auch in der Schweiz. Ich weiß, dass Antibiotika allergische Reaktionen auslösen können. Ich weiß ebenso, dass bereits heute zahlreiche Bakterien gegen Antibiotika resistent sind. (Später ergoogelte ich mir die Zahlen dazu: 33.000 Menschen sterben jährlich europaweit aufgrund einer Antibiotikaresistenz. In der Schweiz sind es 300.) Erst wenige Tage vor meinem Arztbesuch ist mir eine Plakatkampagne in der Stadt aufgefallen, die zu einem vernünftigen Umgang mit Antibiotika aufruft. Sie ist, wie ich später erfuhr, Teil der vor gut fünf Jahren gestarteten nationalen Strategie Antibiotikaresistenzen.

Die Ärztin in der Permanence stellte mir ein Rezept aus: Amoxicillin, 750 mg von Sandoz. Ein Penicillin. "Dreimal täglich, unabhängig von den Mahlzeiten." – "Wie lange muss sich die nehmen?", fragte ich sie. "Bis die Packung leer ist." Ich verabschiedete mich und holte mir in der benachbarten Apotheke meine Medizin.

Zu Hause nahm ich die erste Tablette. Spätnachts vor dem Einschlafen noch eine. Dazu ein Algifor 400. Ein Schmerzmittel. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, fühlte ich, wie das Schmirgelpapier in meinem Hals etwas feiner geworden war. Tags darauf waren die ärgsten Schmerzen verschwunden. Dafür war ich erschöpft und schlapp. Kein Wunder, dachte ich. Schließlich hatte ich die Packungsbeilage gelesen, die Nebenwirkungen (Übelkeit, Hautausschlag ...) studiert und war nun froh, dass ich derart glimpflich davongekommen war.