Als Benedikt XVI. im Februar 2013 als Papst zurücktrat, kündigte er an, "für die Welt verborgen" zu leben. Er hatte die Grenzen seiner Belastbarkeit erreicht. Sein Verzicht schien vornehm und konsequent. Auch wenn es kein formelles Versprechen war: Der Rückzug in die Stille eines Klosters hinter den vatikanischen Mauern sollte den Weg für seinen Nachfolger frei machen. Denn jede Stellungnahme des alten würde wie ein Kommentar zur Amtsführung des neuen Papstes wirken.

In den vergangenen sieben Jahren hat sich Benedikt immer wieder zu Wort gemeldet. Er beteuert die Nähe zum Papst, während er in Fragen der Kirchenreform grundsätzlich andere Perspektiven verfolgt. Man hat sich daran gewöhnen müssen, dass das aktuelle Pontifikat im Spiegel des alten kommentiert wird. Benedikt mischt selbst die Karten in einem Spiel mit zwei Päpsten.

So ist es auch jetzt wieder, bei Benedikts Verteidigung des Zölibats, die am Montag öffentlich wurde. In einem gemeinsam mit dem erzkonservativen Kardinal Robert Sarah verfassten Buch, Aus der Tiefe unserer Herzen, findet sich eine Attacke des emeritierten Papstes gegen die Zulassung verheirateter Männer zum Priestertum. Die Frage, ob dies möglich ist, war eines der Themen der Amazonas-Synode, eines Treffens der Weltkirche im Vatikan im Herbst. Derzeit wartet man gespannt auf das abschließende Schreiben des Papstes. Doch Benedikt fühlte sich vorab veranlasst, an Franziskus zu appellieren, das Eheverbot nicht zu lockern: "da der Dienst für den Herrn die völlige Hingabe eines Mannes erfordert".

Diese und weitere Textstellen erschienen am Montag vorab in einer italienischen Tageszeitung, sie lasen sich wie ein Angriff auf den Reformkurs von Franziskus. Der Heilige Stuhl jedenfalls sah sich gezwungen, den Journalisten zu erklären, wo Franziskus in Sachen Zölibat nun stehe: Sind der alte und der neue Papst einig? Die Frage allein ist für die Kirche, die nur eine einzige oberste Instanz in Glaubensfragen kennt, hochproblematisch. Am Dienstag befand der Vatikan sich denn auch mitten im nächsten Skandal.

Benedikt XVI. habe sich von der Autorschaft des Buches distanziert, meldete die Katholische Nachrichtenagentur. Georg Gänswein, sein Privatsekretär, habe auf seinen Wunsch beim Verlag die Entfernung von Namen und Bild Benedikts vom Bucheinband veranlasst. Der Beitrag des Emeritus sei aber "100 Prozent Benedikt", so Gänswein. Benedikt sei nur nicht über Form und Aufmachung des geplanten Buches informiert gewesen. Wirklich? Gegen diese Darstellung wehrte sich umgehend Kardinal Sarah, indem er detailliert kundtat, wie Ratzingers Zölibats-Text seit dem Sommer 2019 zustande gekommen sei.

Wer recht hat, war bei Redaktionsschluss der ZEIT unklar. Aber sicher ist: Der Vatikan hat ein Problem, und das begann schon mit der Wahl des Titels, den Benedikt sich nach seinem Rücktritt zulegte: Papa emeritus. Wer emeritiert ist, verliert ja Entscheidungskompetenzen, darf aber weiter lehren. Der Theologenpapst verhält sich seither wie ein emeritierter deutscher Professor: Er entscheidet nicht mehr, aber fühlt sich für die Lehre weiter zuständig. Dabei gerät, was er als Wahrheit verkündet, immer wieder in Kontrast zu der Reformagenda von Papst Franziskus. Und die Anhänger Benedikts nutzen das aus. Sie attackieren Papst Franziskus, indem sie die Bewahrung der Tradition als Lösung der Kirchenprobleme predigen. Auch deshalb ist die Krise der katholischen Kirche nicht gelöst, wurden noch immer keine systemischen Konsequenzen aus dem klerikalen Missbrauch gezogen. Sobald Veränderungen auf der Agenda stehen, schlagen die Konservativen Alarm.

Durch sie wird das Nebeneinander der zwei weiß gewandeten Männer im Vatikan zum Skandal. Mehrfach schon hat der emeritierte Papst den Weg in die Öffentlichkeit gefunden – mit dem Effekt, dass der Mann im Schatten des Vatikans zum päpstlichen Schattenmann avancierte. Er sagt immer wieder, das sei nicht seine Absicht. Aber wer als Papa emeritus beteuern muss, dass es nur einen Papst gibt, verursacht einen Krisensturm, um dann die Alarmglocken selbst zu läuten. Benedikt XVI. warnt vor der Kirchenspaltung, aber er forciert sie, wenn er an Franziskus appelliert, in Sachen Zölibat nichts zu ändern.

Der alte Papst hat gesprochen, bevor der amtierende sprechen konnte. Zugleich betonte Benedikt seinen "kindlichen Gehorsam" gegenüber dem Papst. Wer aber Gehorsam verspricht, muss zuhören. Das kann Benedikt nicht. Er nimmt in der Krise seiner Kirche noch einmal die Lehrzügel in die Hand. Von Vertrauen zu seinem Nachfolger und damit auch von Vertrauen in die vom Heiligen Geist bestimmte Wahl von Franziskus zeugt das nicht.